Ein Blick hinter die Forschung: Von digitalen Impfausweisen bis zur FSME-Prävention
Impfforschung geht weit über die Erforschung der Impfstoffe selbst hinaus. Sie beschäftigt sich auch mit der Frage, warum sich Menschen für oder gegen eine Impfung entscheiden, wie Impfdokumentationen verbessert werden können und wie sich Krankheiten letztlich besser verhindern lassen. Wir haben mit Dr. Phung Lang, MPH und PD Dr. Kyra Zens, MPH von der Forschungsgruppe Immunity and Vaccines am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention (EBPI) über ihre aktuellen Projekte und die Fragen gesprochen, die ihre Forschung antreiben.
Ein Blick hinter die Forschung: Von digitalen Impfausweisen bis zur FSME-Prävention
Impfforschung geht weit über die Erforschung der Impfstoffe selbst hinaus. Sie beschäftigt sich auch mit der Frage, warum sich Menschen für oder gegen eine Impfung entscheiden, wie Impfdokumentationen verbessert werden können und wie sich Krankheiten letztlich besser verhindern lassen. Wir haben mit Dr. Phung Lang, MPH und PD Dr. Kyra Zens, MPH von der Forschungsgruppe Immunity and Vaccines am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention (EBPI) über ihre aktuellen Projekte und die Fragen gesprochen, die ihre Forschung antreiben.
20 August, 2026
Beitrag teilen#Interview #Forschung
Vielen Dank, dass ihr euch erneut die Zeit für ein Gespräch mit uns nehmt!
Einige unserer Leser:innen erinnern sich vielleicht noch an unsere früheren Interviews mit euch: Phung, über das Kantonale Durchimpfungsmonitoring der Schweiz, und Kyra, über deine Forschung zur Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Wir freuen uns sehr, euch beide wieder bei uns begrüssen zu dürfen!
Dieses Mal möchten wir den Fokus etwas verschieben. Anstatt über ein einzelnes Projekt zu sprechen, möchten wir gerne die Forschungsgruppe hinter diesen spannenden Studien vorstellen. Von digitalen Impfausweisen und der FSME-Forschung bis hin zur Eliminierung von HPV und der Immunität gegen MMR – euer Team arbeitet an einer Vielzahl von Projekten, die alle dazu beitragen, Impfungen und die öffentliche Gesundheit in der Schweiz zu verbessern. Wir möchten gerne mehr über die Menschen hinter dieser Arbeit und die Ideen erfahren, die sie vorantreiben.
Wir haben bereits mit euch beiden einzeln gesprochen, aber noch nicht über die Forschungsgruppe selbst. Könnt ihr uns etwas über euer Team am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention (EBPI) erzählen und darüber, was eure verschiedenen Forschungsprojekte miteinander verbindet?
Unsere Gruppe Immunity and Vaccines konzentriert sich darauf, Fachwissen aus den Bereichen Epidemiologie, Immunologie und Public Health miteinander zu verbinden. Unser intradisziplinärer Ansatz ist eine unserer grössten Stärken. Je nach Projekt arbeiten wir auch mit Kliniker:innen, Verhaltenswissenschaftler:innen, Computeringenieur:innen und anderen Grundlagenwissenschaftler:innen zusammen und bringen so ein breites Spektrum an Fachwissen zusammen, um komplexe Fragen im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu untersuchen.
Obwohl unsere Forschung unterschiedliche Themen wie Impfquoten, Verhaltensforschung, digitale Gesundheitstools, FSME, HPV und MMR umfasst, verfolgen alle unsere Arbeiten ein gemeinsames Ziel: die Gesundheit durch Impfungen zu verbessern. Einige Projekte befassen sich beispielsweise damit, zu verstehen, warum Menschen und Gesundheitsfachpersonen bestimmte Impfentscheidungen treffen, andere untersuchen die Wirksamkeit von Impfstoffen und wieder andere die Frage, wie digitale Technologien das Gesundheitswesen unterstützen können. Gemeinsam tragen die Projekte jedoch dazu bei, die Evidenz zu schaffen, die erforderlich ist, um Impfprogramme zu verbessern, die Gesundheitspolitik zu informieren und letztlich die Bevölkerung in der Schweiz besser zu schützen.
Eure Arbeit reicht von Impfquoten und Verhaltensforschung bis hin zu digitalen Gesundheitstools und klinischen Studien. Hat sich der Schwerpunkt eurer Forschung in den vergangenen Jahren verändert?
Absolut. Ursprünglich konzentrierte sich unsere Arbeit darauf, die Impfquoten in der Schweiz durch Projekte wie das Kantonale Durchimpfungsmonitoring der Schweiz besser zu verstehen. Dies ist zwar nach wie vor ein wichtiger Teil unserer Arbeit, doch unsere Forschung ist inzwischen wesentlich breiter aufgestellt.
Heute fragen wir nicht mehr nur, wer geimpft ist, sondern auch, warum sich Menschen für oder gegen eine Impfung entscheiden und wie Gesundheitssysteme diese Entscheidungen besser unterstützen können. Dies hat uns dazu veranlasst, Wissen, Einstellungen und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Impfungen zu untersuchen. Ausserdem sind wir an digitalen Innovationsprojekten beteiligt, die darauf abzielen, das Impfmanagement zu verbessern.
Eine weitere wichtige Entwicklung ist, dass wir zunehmend krankheitsübergreifend arbeiten, anstatt uns auf einzelne Impfstoffe zu konzentrieren. Unabhängig davon, ob wir FSME, HPV oder MMR untersuchen, sind die zugrunde liegenden Fragen oft ähnlich: Wie können wir die Impfquote erhöhen, was wissen wir über die durch Impfungen vermittelte Immunität und wie können wir eine bessere Evidenz für Entscheidungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit schaffen?
Eines eurer neuesten Projekte hat zum Ziel, Impfdokumentationen mithilfe einer neuen App zu digitalisieren. Was hat dieses Projekt angestossen und wie erhofft ihr euch, damit das Impfmanagement für Familien und Gesundheitsfachpersonen zu verbessern?
Das von der DIZH und dem PRC finanzierte Projekt entstand aus einem sehr praktischen Problem. In der Schweiz sind viele Impfdokumentationen nach wie vor handschriftlich und papierbasiert. Es handelt sich um wertvolle Dokumente, die jedoch leicht verloren gehen oder beschädigt werden können. Da sie zudem in vielen unterschiedlichen Formaten vorliegen und handschriftlich ausgefüllt sind, lassen sie sich nur schwer in digitale Gesundheitssysteme integrieren.
Unser Ziel ist es, eine KI-gestützte Anwendung zu entwickeln, die handschriftliche Schweizer Impfausweise schnell und präzise scannen und in standardisierte digitale Impfdokumentationen umwandeln kann, die den Schweizer Gesundheitsstandards entsprechen. Anstatt lediglich ein Bild oder PDF zu speichern, werden die Impfinformationen maschinenlesbar und können sicher in elektronische Gesundheitssysteme integriert werden.
Dies könnte den Zeitaufwand, den Gesundheitsfachpersonen für die manuelle Überprüfung von Impfausweisen benötigen, erheblich reduzieren und gleichzeitig die Datenqualität verbessern. Zudem eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten für eine Echtzeitüberwachung von Impfungen und ein besseres Public-Health-Monitoring. Mit Blick auf die Zukunft hoffen wir ausserdem, Entscheidungsunterstützungsfunktionen zu integrieren, die den Impfverlauf einer Person mit dem empfohlenen Schweizer Impfplan vergleichen und allfällige erforderliche Nachholimpfungen identifizieren.
Für Familien ist die langfristige Vision einfach: Impfdokumentationen, die leichter zugänglich sind, weniger leicht verloren gehen und jederzeit zur Verfügung stehen, wenn sie benötigt werden.
Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist seit Langem einer eurer Forschungsschwerpunkte. Seit unserem letzten Gespräch mit Kyra habt ihr eine neue Studie zum Wissen, zu den Einstellungen und zum Verhalten von Eltern und Kinderärzt:innen in Bezug auf die FSME-Impfung abgeschlossen. Könnt ihr uns erzählen, was ihr untersucht habt, und vielleicht bereits einen ersten Einblick in eure Ergebnisse geben?
Unsere bisherigen Arbeiten haben gezeigt, dass die FSME-Impfquote in der Schweiz verbessert werden könnte. Gleichzeitig warfen sie eine wichtige Frage auf: Warum entscheiden sich manche Familien dafür, ihre Kinder impfen zu lassen, während andere dies nicht tun? Diese neue Studie wurde konzipiert, um dieser Frage nachzugehen und dabei sowohl die Perspektive der Eltern als auch jene der Kinderärzt:innen zu untersuchen.
Wir befragten mehr als 600 Eltern und fast 100 Kinderärzt:innen im Kanton Zürich zu ihrem Wissen, ihren Einstellungen und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der FSME-Impfung bei Kindern. Eines der interessantesten Ergebnisse war, dass Eltern keineswegs eine homogene Gruppe darstellen. Mithilfe von Clusteranalysen identifizierten wir vier unterschiedliche Elternprofile mit sehr unterschiedlichen Impfquoten.
Zwei dieser Gruppen wiesen mit über 90 % eine sehr hohe Impfquote bei Kindern auf, während die Impfquote in den beiden anderen Gruppen deutlich niedriger war. Wichtig ist, dass sich auch die Gründe dafür unterschieden. Einer Gruppe fehlte es hauptsächlich an Bewusstsein für das Thema und sie war hinsichtlich FSME und der Impfung unsicher. Eine andere Gruppe hingegen war gut informiert, schätzte das Risiko durch FSME jedoch als geringer ein und erachtete die Impfung als weniger wichtig.
Wir stellten ausserdem fest, dass Eltern, die selbst geimpft waren, ihre Kinder mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit ebenfalls hatten impfen lassen. Informationen von Kinderärzt:innen oder anderen Gesundheitsfachpersonen waren mit einer höheren Impfquote verbunden, während die Nutzung sozialer Medien als Informationsquelle oder die Angabe, über keine Informationsquelle zu verfügen, mit einer niedrigeren Impfquote verbunden war.
Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass es bei der Verbesserung der Impfquote nicht einfach nur darum geht, «Impfzögern» entgegenzuwirken. Unterschiedliche Familien haben unterschiedliche Bedenken, weshalb die Kommunikation auf ihre jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten sein sollte. Die Studie unterstreicht ausserdem die wichtige Rolle von Gesundheitsfachpersonen bei der Bereitstellung vertrauenswürdiger, evidenzbasierter Informationen.
Eure Forschung erstreckt sich auch auf HPV und MMR (Masern, Mumps und Röteln). Könnt ihr uns etwas über diese Projekte erzählen und erklären, warum sie aus Sicht der öffentlichen Gesundheit wichtig sind?
HPV ist ein gutes Beispiel dafür, wie Impfforschung nicht nur zur Kontrolle, sondern auch zur Eliminierung von Krankheiten beitragen kann. Heute wissen wir, dass mehr als 90 % der Gebärmutterhalskrebsfälle durch Impfungen, Screening und rechtzeitige Behandlung verhindert werden können. HPV verursacht jedoch auch verschiedene andere Krebsarten, darunter Anal-, Penis-, Vulva-, Vaginal- und Oropharynxkarzinome.
Unsere aktuelle Arbeit zielt darauf ab, eine nationale Strategie zur Eliminierung von HPV in der Schweiz zu unterstützen. Über eine neue Plattform namens SPHERE – Swiss Platform for HPV Evaluation and REsponse führen wir Informationen zu Impfquoten, Krankheitslast, Screening, Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und Gesundheitspolitik zusammen. Ziel ist es, Forschenden, Kliniker:innen und politischen Entscheidungsträger:innen die Evidenz zur Verfügung zu stellen, die sie benötigen, um künftige Massnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu gestalten.
Gleichzeitig untersuchen wir die Verhaltensfaktoren1, die die Inanspruchnahme der HPV-Impfung beeinflussen, und arbeiten mit verschiedenen Akteur:innen in der ganzen Schweiz zusammen, um Prioritäten für die Verbesserung der Impfquote und die Verringerung von Unterschieden zwischen den Kantonen zu identifizieren.
Unsere MMR-Forschung befasst sich mit einer weiteren wichtigen Herausforderung. Obwohl Masern durch Impfungen verhindert werden können, erfordert die Aufrechterhaltung des Eliminationsstatus der Schweiz ein sehr hohes Immunitätsniveau in der gesamten Bevölkerung. Indem wir Immunität und Impfquoten untersuchen, können wir besonders gefährdete Gruppen identifizieren und Evidenz schaffen, um die Prävention von Ausbrüchen und die langfristige Eliminierung der Krankheit zu unterstützen.
Bei beiden Projekten bleibt unser übergeordnetes Ziel jedoch dasselbe: Evidenz zur Unterstützung von Impfprogrammen bereitzustellen und die Belastung durch impfpräventable Krankheiten zu reduzieren.
Wenn ihr all diese unterschiedlichen Projekte betrachtet: Gibt es eine gemeinsame Botschaft, die ihr Eltern, Gesundheitsfachpersonen und der Öffentlichkeit zum Thema Impfen mitgeben möchtet?
Das gemeinsame Thema all unserer Projekte ist, dass gute Impfentscheidungen auf guten Informationen beruhen. Unabhängig davon, ob wir digitale Impfdokumentationen entwickeln, Impfverhalten untersuchen, Impfquoten überwachen oder die durch Impfungen vermittelte Immunität erforschen, besteht unser Ziel darin, Evidenz zu schaffen, die Einzelpersonen, Gesundheitsfachpersonen, politischen Entscheidungsträger:innen und Gesundheitsbehörden dabei hilft, fundierte Entscheidungen zu treffen.
Unsere Forschung zeigt ausserdem, dass Impfentscheidungen nur selten von einem einzigen Faktor bestimmt werden. Sie werden durch Wissen, Vertrauen, persönliche Erfahrungen, den Zugang zur Gesundheitsversorgung und Gespräche mit Gesundheitsfachpersonen geprägt. Wirksame Impfprogramme erfordern daher nicht nur eine solide wissenschaftliche Evidenz, sondern auch eine klare Kommunikation, gut zugängliche Gesundheitsangebote und moderne digitale Tools.
Vielen Dank euch beiden für dieses aufschlussreiche Interview!
Interview: Sofia Ricar
1 Zens K, Baer N, Nur S, Renner S, Lang P. Knowledge, Attitudes, and Behaviors Toward Human Papillomavirus Vaccination Among Adults in Switzerland. JAMA Netw Open. 2026;9(3):e262780. doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.2780
20 August, 2026
Beitrag teilen#Interview #Forschung