«Gespräche über sexuelle Gesundheit sollen als etwas Selbstverständliches erlebt werden.»

Sexuelle Gesundheit ist nach wie vor mit Tabus und Unsicherheiten verbunden. Gerade deshalb ist eine offene, respektvolle Beratung wichtig. Manuela Rasi, Advanced Practice Nurse am Zentrum für Reisemedizin UZH (kurz: ZRM), spielte beim Aufbau der Sprechstunde Sexuelle Gesundheit eine zentrale Rolle. Im Interview erzählt sie, wie das Angebot entstanden ist, welche Rolle SwissPrEPared und TravelPrEPared dabei spielen und warum sexuelle Gesundheit auch in der Reisemedizin selbstverständlich angesprochen werden sollte.

«Gespräche über sexuelle Gesundheit sollen als etwas Selbstverständliches erlebt werden.»

Sexuelle Gesundheit ist nach wie vor mit Tabus und Unsicherheiten verbunden. Gerade deshalb ist eine offene, respektvolle Beratung wichtig. Manuela Rasi, Advanced Practice Nurse am Zentrum für Reisemedizin UZH (kurz: ZRM), spielte beim Aufbau der Sprechstunde Sexuelle Gesundheit eine zentrale Rolle. Im Interview erzählt sie, wie das Angebot entstanden ist, welche Rolle SwissPrEPared und TravelPrEPared dabei spielen und warum sexuelle Gesundheit auch in der Reisemedizin selbstverständlich angesprochen werden sollte.

Liebe Manuela, vielen Dank, dass Du Dir für dieses Interview Zeit nimmst. Vielleicht gleich zu Beginn: Was ist SwissPrEPared und TravelPrEPared, kurz erklärt?

SwissPrEPared ist ein in unserem Departement (Departement Public & Global Health an der Universität Zürich) entwickeltes Programm mit integrierter Studie. Es verfolgt das Ziel, die medizinische Versorgung von PrEP-Nutzenden und PrEP-Interessierten – mehrheitlich Männern, die Sex mit Männern (MSM) haben, sowie trans Menschen – zu verbessern.

 

TravelPrEPared baut auf den Erfahrungen von SwissPrEPared auf und ist ein Programm zur integrierten Beratung zu sexueller Gesundheit in der Reiseberatung. Der Schwerpunkt liegt auf der Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STIs) und umfasst auch eine spezifische Beratung zur HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) für Reisende. Ergänzend wird ein Trainingsprogramm für Fachkräfte der Reisemedizin entwickelt, um das kompetente Ansprechen sexueller Risiken und HIV in der Beratung zu stärken.

 

HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP)

Die HIV-Präexpositionsprophylaxe, kurz HIV-PrEP, ist eine wirksame Möglichkeit, sich vor einer HIV-Infektion zu schützen. Dabei nehmen HIV-negative Personen ein Medikament ein, das zwei gegen HIV aktive Wirkstoffe enthält. Je nach individuellem Risiko und persönlicher Präferenz kann PrEP täglich oder ereignisbasiert eingenommen werden.

 

Warum wurde TravelPrEPared am ZRM aufgebaut?

Die Gruppe der MSM macht rund die Hälfte der neuen HIV-Infektionen in der Schweiz aus. Mit TravelPrEPared soll die andere Hälfte der Bevölkerung adressiert werden. Da ein relevanter Teil der HIV-Infektionen im Zusammenhang mit Reisen auftritt, soll sexuelle Gesundheit stärker in die Reiseberatung integriert und der Zugang zu PrEP sowie weiteren wirksamen Präventionsstrategien gefördert werden.

 

Warum ist es aus Deiner Sicht wichtig, sexuelle Gesundheit nicht nur in einer spezialisierten Sprechstunde, sondern auch in die klassische Reiseberatung zu integrieren?

Während Reisen verändert sich das Sexualverhalten häufig, wodurch das Risiko für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen steigen kann.

Eine offene Beratung zu sexueller Gesundheit vor der Reise kann dazu beitragen, das Bewusstsein für mögliche Risiken zu stärken und wirksame Präventionsmassnahmen zu fördern – bisher wird dieses Thema jedoch in der Reiseberatung noch zu selten angesprochen und moderne Präventionsmöglichkeiten wie die HIV-PrEP sind wenig bekannt und werden wenig genutzt.

 

 

Wie unterscheidet sich das Ansprechen sexueller Gesundheit in einer reisemedizinischen Konsultation von einer gezielten Konsultation in der Sprechstunde Sexuelle Gesundheit?

Im Gegensatz zur Sprechstunde für sexuelle Gesundheit stehen in der Reisemedizin für Kund:innen meist andere Themen wie Malaria oder Impfungen im Vordergrund. Obwohl im Vorfeld des Termins nach Sexualität auf Reisen gefragt wird, wird dies oft verneint und eine Beratung dazu wird nicht erwartet – auch weil sexuelle Kontakte auf Reisen häufig spontan entstehen und daher vorab kein konkreter Beratungsbedarf gesehen wird. Entsprechend ist es für das Fachpersonal in der Sprechstunde für sexuelle Gesundheit leichter, das Thema anzusprechen, da die Kund:innen dies erwarten und meist offener dafür sind. Zudem ist das Fachpersonal in der Sprechstunde für sexuelle Gesundheit im Umgang mit diesen Themen deutlich routinierter.

 

 

TravelPrEPared baut auf den Erfahrungen von SwissPrEPared auf. Wenn wir den Blick nochmals auf PrEP in der Schweiz richten: Wie hat sich der Zugang in den letzten Jahren aus Deiner Sicht entwickelt?

Da hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Die ersten Anfragen zur HIV-PrEP erhielt ich 2016. Damals war die PrEP in der Schweiz noch nicht zugelassen, und das Originalpräparat war mit mehreren hundert Franken pro Monat unerschwinglich. Wer die PrEP nutzen wollte, musste häufig auf günstigere Medikamente aus dem Ausland zurückgreifen. Heute ist die PrEP in der Schweiz zugelassen, Generika sind verfügbar und für Personen mit erhöhtem HIV-Risiko kann die Behandlung in SwissPrEPared-assoziierten Zentren über die Krankenkasse abgerechnet werden.

 

Welche Herausforderungen bestehen trotz dieser Fortschritte weiterhin (zum Beispiel beim Wissen über PrEP, beim Zugang oder beim Abbau von Hemmschwellen)?

In der queeren Community ist das Wissen über die HIV-PrEP heute deutlich stärker verbreitet als in der übrigen Bevölkerung. Aus meiner Sicht besteht insbesondere ausserhalb dieser Community noch erheblicher Informationsbedarf. Auch im medizinischen Bereich ist das Thema noch nicht überall etabliert, sodass es für Interessierte nicht immer einfach ist, kompetente und wertfreie Beratung zu erhalten. Spezialisierte PrEP-Sprechstunden können hier eine wichtige Rolle spielen, indem sie einen niederschwelligen und vertrauensvollen Zugang zu Information und Versorgung ermöglichen.

 

Damit sind wir bereits beim Angebot am ZRM: Wie kam es dazu, dass die Sprechstunde Sexuelle Gesundheit aufgebaut wurde? Welcher Bedarf wurde sichtbar?

Da unser Departement nicht nur das SwissPrEPared-Programm koordiniert, sondern unsere Klinik auch ein SwissPrEPared-assoziiertes Zentrum ist, das PrEP-Nutzende betreut, war der Aufbau einer Sprechstunde für sexuelle Gesundheit ein wichtiger Schritt. Neben Präventions- und Testangeboten müssen auch Diagnostik, Beratung und Behandlung gewährleistet sein. Darüber hinaus sehen wir diese Dienstleistung als wertvolle Ergänzung für Kund:innen der Reisemedizin, da Fragen zur sexuellen Gesundheit auch im Zusammenhang mit Reisen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Zudem werden unsere Testangebote von vielen Universitätsangehörigen genutzt, was den Bedarf an einem niederschwelligen und kompetenten Angebot zusätzlich unterstreicht.

 

Welche Rolle hattest Du beim Aufbau der Sprechstunde Sexuelle Gesundheit am ZRM und in der Projektleitung?

Gemeinsam mit der ärztlichen Leitung übernahm ich die Projektleitung. Meine Aufgaben umfassten insbesondere das Projektmanagement sowie die operative und personelle Führung, einschliesslich organisatorischer Entscheidungen und der Koordination der Umsetzung.

 

Was war beim Aufbau der Sprechstunde Sexuelle Gesundheit am ZRM besonders wichtig — fachlich, organisatorisch und im Umgang mit Kund:innen?

Für den Aufbau der Sprechstunde mussten zahlreiche Prozesse neu definiert und implementiert werden, darunter z. B. der Kundenfluss, Beratungs- und Laborabläufe, Preisgestaltung sowie Abrechnungsprozesse. Darüber hinaus konnte mit unserem Partnerlabor Analytica ein günstiger Pauschalpreis für das STI-Testing vereinbart werden. Gleichzeitig galt es, das neue Angebot nahtlos in die bestehenden Strukturen zu integrieren. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Schulung des Personals, um fachliche Kompetenz sicherzustellen. Besonders wichtig war uns dabei, eine offene, respektvolle und wertfreie Haltung gegenüber dem Thema sexuelle Gesundheit und den Menschen, die unsere Angebote nutzen, zu vermitteln und vorzuleben.

 

Du hast die offene, respektvolle und wertfreie Haltung als besonders wichtig beschrieben. Wo bestehen aus Deiner Sicht heute trotzdem noch Hemmschwellen oder Unsicherheiten, wenn es um STI-Tests, PrEP oder sexuelle Gesundheit geht?

Das Thema sexuelle Gesundheit ist nach wie vor mit Tabus und Unsicherheiten behaftet. Zudem können die Kosten für einen STI-Check eine Hürde darstellen, sodass sich manche Menschen nicht testen lassen, obwohl sie dies gerne würden, oder sich die Untersuchung schlicht nicht leisten können.

 

Was braucht es aus Deiner Sicht, damit Kund:innen offen über sexuelle Gesundheit sprechen können und sich gut aufgehoben fühlen?

Kund:innen sollen sich bereits bei der Anmeldung und beim Betreten der Klinik willkommen und wohl fühlen. In der Beratung ist es wichtig, dass die Fachperson offen, wertfrei und freundlich auftritt, damit Gespräche über sexuelle Gesundheit als etwas Selbstverständliches erlebt werden – so wie jede andere medizinische Beratung auch.

 

Worauf bist Du besonders stolz, wenn Du heute auf das Angebot am ZRM schaust?

Die Aufgaben während der Pandemie haben unsere Aufbaupläne deutlich verzögert. Umso erfreulicher ist es heute zu sehen, wie sich die Sprechstunde für sexuelle Gesundheit kontinuierlich weiterentwickelt und zunehmend genutzt wird. Der erfolgreiche Aufbau eines solchen Angebots ist, meiner Meinung nach, nur dank eines engagierten und vielfältigen Teams mit unterschiedlichen fachlichen Kompetenzen und Perspektiven möglich. Besonders schön ist auch das grosse Engagement des Fachpersonals, das die Weiterentwicklung des Angebots mit viel Motivation und Begeisterung mitträgt.

 

Was wünschst Du Dir für die Weiterentwicklung der Sprechstunde Sexuelle Gesundheit und von TravelPrEPared?

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Sprechstunde für sexuelle Gesundheit noch bekannter wird und von Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen als selbstverständliches Gesundheitsangebot wahrgenommen und genutzt wird. Wichtig wäre zudem, den Zugang weiterhin möglichst niederschwellig zu gestalten, die sexuelle Gesundheit noch stärker in andere Bereiche wie die Reisemedizin zu integrieren und die fachliche Weiterentwicklung des Angebots kontinuierlich voranzutreiben. Langfristig wäre es wünschenswert, dass kompetente, wertfreie Beratung sowie Präventions-, Test- und Behandlungsangebote für alle Menschen leicht zugänglich sind – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung oder finanziellen Möglichkeiten.

 

Vielen lieben Dank für das spannende Interview, Manuela!

 

 

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