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"Der Erfolg der Schweiz zeigt, dass eine Impfpflicht nicht notwendig ist, um eine hohe Durchimpfungsrate zu erreichen"

Obwohl die Impfquote in der Schweiz insgesamt recht gut ist, ist weltweit ein Rückgang der Impfraten zu beobachten. Dies gibt Anlass zur Sorge unter Fachleuten im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Phung Lang, Forscherin am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention (EBPI), erklärt, was andere Länder vom Ansatz der Schweiz im Bereich der öffentlichen Gesundheit lernen können und wie die Integration digitaler Tools die Gesundheitsüberwachung und Kapazitäten im Bereich der öffentlichen Gesundheit erheblich verbessern kann.

"Der Erfolg der Schweiz zeigt, dass eine Impfpflicht nicht notwendig ist, um eine hohe Durchimpfungsrate zu erreichen"

Obwohl die Impfquote in der Schweiz insgesamt recht gut ist, ist weltweit ein Rückgang der Impfraten zu beobachten. Dies gibt Anlass zur Sorge unter Fachleuten im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Phung Lang, Forscherin am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention (EBPI), erklärt, was andere Länder vom Ansatz der Schweiz im Bereich der öffentlichen Gesundheit lernen können und wie die Integration digitaler Tools die Gesundheitsüberwachung und Kapazitäten im Bereich der öffentlichen Gesundheit erheblich verbessern kann.


Phung Lang ist Forscherin am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention (EBPI) der Universität Zürich. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Impfquoten, die Epidemiologie von Impfungen und deren Auswirkungen auf Infektionskrankheiten sowie Faktoren, die die Impfbereitschaft in der Bevölkerung beeinflussen.

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Phung, es ist fast zwei Jahre her, seit wir uns das letzte Mal unterhalten haben. Was hast du in dieser Zeit gemacht?

In den letzten zwei Jahren hat sich meine Arbeit weiterhin um das kantonale Durchimpfungsmonitoring der Schweiz gedreht. Sie ist nach wie vor ein zentraler Bestandteil der nationalen Impfstoffüberwachung. Da das System nun gut etabliert ist und reibungslos funktioniert, konnte ich mich mehreren neuen Forschungsbereichen und Projekten zuwenden.

 

 

Das klingt spannend! Erzähl mir bitte mehr darüber.

Wir haben die Rekrutierung für unsere klinische Studie zur MMR-Immunität bei Erwachsenen im Alter von 18 bis 49 Jahren abgeschlossen, in der die Immunpersistenz und die Auswirkungen von Auffrischungsimpfungen untersucht werden.  Wichtig hier anzumerken ist, dass mein Team den Fokus auf HPV-Impfungen und Eliminierungsbemühungen ausgeweitet hat. Kürzlich haben wir eine landesweite HPV-Studie abgeschlossen, in der die Akzeptanz und Compliance der Impfung bei Erwachsenen im Alter von 18 bis 45 Jahren untersucht wurde. Wir haben festgestellt, dass 27% der Bevölkerung gegen HPV geimpft waren, wobei Frauen besser geimpft waren als Männer und jüngere Erwachsene im Alter von 18 bis 26 Jahren besser als Erwachsene im Alter von 27 bis 45 Jahren.
Ich bin auch Teil einer Gruppe, die an der Entwicklung einer Strategie und eines Fahrplans zur Eliminierung von HPV-assoziierten Erkrankungen in der Schweiz bis 2030 arbeitet, was im Einklang mit dem Eliminierungsziel der WHO steht. Wir nutzen unsere Überwachungsinfrastruktur, um die Akzeptanz der HPV-Impfung besser zu verstehen, Hindernisse zu identifizieren und Massnahmen zu entwickeln, die die Schweiz diesem wichtigen Meilenstein im Bereich der öffentlichen Gesundheit näher bringen.

 

Gab es besondere Änderungen oder Updates beim kantonalen Durchimpfungsmonitoring?

Wir haben kürzlich ein vom Schweizerischen Nationalfonds finanziertes Projekt abgeschlossen, bei dem Methoden des maschinellen Lernens zur Vorhersage von Impfskepsis unter Verwendung von SNVCS-Daten angewendet wurden. Durch die Kombination von epidemiologischer Forschung und Datenwissenschaft konnten wir wichtige Risikomuster identifizieren. Unsere Ergebnisse bestätigten, dass die Impfgeschichte sowie regionale und sozioökonomische Variablen wie das BIP, die Kinderärzt:innendichte und politische Orientierungen wichtige Faktoren für Impfskepsis sind.
Eine weitere relevante Entwicklung war die digitale Transformation der Impfüberwachung in der Schweiz. Wir haben kürzlich eine Anschubfinanzierung erhalten, um eine Pipeline für die Digitalisierung von Impfausweisen zu entwickeln und diese in eine interoperable Datenbank umzuwandeln, die in die nationalen digitalen Gesundheitssysteme integriert werden kann. Diese Infrastruktur wird eine effizientere, nahezu Echtzeit-Überwachung der Durchimpfungsrate ermöglichen, die Datenverknüpfung verbessern und den Verwaltungsaufwand reduzieren. Die Einrichtung eines vollständig digitalen nationalen Impfregisters bleibt ein langfristiges Ziel, das jedoch die Überwachung und Kapazitäten im Bereich der öffentlichen Gesundheit erheblich stärken würde.

 

Kantonales Durchimpfungsmonitoring Schweiz

 

Das Kantonale Durchimpfungsmonitoring der Schweiz bewertet alle drei Jahre die Durchimpfungsrate für empfohlene, durch Impfungen vermeidbare Krankheiten bei Kindern im Alter von 2, 8 und 16 Jahren in allen 26 Kantonen. Es handelt sich um eine Zusammenarbeit zwischen den Kantonen, dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) und dem EBPI seit 1999.
Die Ergebnisse werden verwendet, um die Einhaltung der Impfempfehlungen des Schweizerischen Nationalen Impfplans zu bewerten, die Fortschritte der Schweizer Impfstrategie zu messen, den Schutzgrad in der Bevölkerung zu beurteilen und zukünftige Impfmassnahmen und -kampagnen zu planen.

Wie beurteilst du die aktuelle internationale Situation hinsichtlich der Durchimpfungsrate bei Kindern?

Weltweit steht die Durchimpfungsrate unter Druck. Während einige Länder starke Systeme aufrechterhalten haben, ist in vielen Ländern eine Stagnation oder ein Rückgang zu beobachten, insbesondere nach der COVID-19-Pandemie. Diese Lücken sind nicht nur bei routinemässigen Impfungen für Kinder wie MMR sichtbar, sondern auch bei neueren Impfstoffen wie HPV.
In der Schweiz können wir uns glücklich schätzen, dass die Durchimpfungsrate bei 2-Jährigen stabil geblieben ist und während der Pandemie kein grösserer Rückgang zu verzeichnen war, was ein Beweis für die starke Infrastruktur und das Vertrauen in die Gesundheitsdienstleister ist. Ähnlich wie in vielen Ländern mit hohem Einkommen sehen wir jedoch Lücken bei der Impfung von Jugendlichen, insbesondere bei HPV, wo die Durchimpfungsrate unter den Eliminierungsschwellenwerten der WHO bleibt.
Die Pandemie hat auch die öffentliche Wahrnehmung verändert: Sie hat das Bewusstsein für Impfpässe und die Rolle von Impfungen bei der Bekämpfung von Krankheiten geschärft, aber auch die Skepsis in Bezug auf Sicherheit, Gerechtigkeit und Impfvorschriften geschürt. Diese Veränderungen beeinflussen nun nicht nur die Einstellung gegenüber COVID-19-Impfstoffen, sondern auch gegenüber Routine- und Präventivimpfungen.

 

Selbst ein wohlhabendes Land wie die USA hat mit sinkenden Impfquoten für MMR zu kämpfen, die unter die Schwelle der Herdenimmunität fallen. Welche Faktoren sind deiner Meinung nach für diesen Rückgang in ressourcenreichen Ländern verantwortlich?

Der Rückgang der Impfquote in wohlhabenden Ländern hat vielfältige Ursachen. In solchen Ländern überwiegen häufig einstellungsbedingte Hindernisse wie Fehlinformationen und Misstrauen, die durch soziale Medien noch verstärkt werden. Aber auch strukturelle und administrative Hindernisse bestehen weiterhin: Fragmentierte Gesundheitssysteme, Schwierigkeiten beim Zugang und eine begrenzte Koordination zwischen den Anbietern können dazu beitragen, dass Impfungen versäumt werden.

 

Wie können diese Probleme angegangen werden?

Es ist unerlässlich, beide Dimensionen anzugehen. Was die persönliche Haltung bezüglich Impfung betrifft, brauchen wir eine nachhaltige, transparente Kommunikation und eine stärkere Einbindung von vertrauenswürdigen Fachkräften im Gesundheitswesen.
Strukturell können wir vom Ansatz der Schweiz lernen: starke Koordination zwischen Kantonen und auf nationaler Ebene, zugängliche Impfdienste und eine robuste Datenerfassung. Die derzeitige digitale Transformation der Impfsysteme wird hier eine Schlüsselrolle spielen, da digitale Impfregister, Impfkreuzkontrollen und automatisierte Nachverfolgung verpasste Gelegenheiten reduzieren und das Vertrauen der Öffentlichkeit durch Transparenz und Rechenschaftspflicht verbessern könnten. Ergebnisse aus Forschungsarbeiten und anderen internationalen Studien zeigen, dass der Abbau struktureller Hindernisse die Impfbereitschaft selbst bei zögerlichen Bevölkerungsgruppen erheblich steigern kann.

 

Was könnten andere Länder wie die USA noch vom Ansatz der Schweiz lernen?

Die Erfahrungen der Schweiz liefern mehrere wertvolle Erkenntnisse. Das kantonale Durchimpfmonitoring der Schweiz, das in Zusammenarbeit mit allen 26 Kantonen und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) eingerichtet wurde, bietet ein Modell für eine zuverlässige, repräsentative Überwachung, das auf andere Länder übertragen werden könnte, um Verzerrungen zu reduzieren und die Überwachung zu verbessern.

Darüber hinaus können unsere Forschungen zu HPV- und FSME-Impfungen sowie unsere laufenden Initiativen im Bereich der digitalen Gesundheit anderen Ländern wichtige Erkenntnisse liefern. In Zusammenarbeit mit dem BAG haben wir eine retrospektive Fall-Kontroll-Studie unter Verwendung von Falldaten aus dem nationalen Meldesystem für meldepflichtige Krankheiten durchgeführt, um die Wirksamkeit der FSME-Impfung zu schätzen. Wir haben festgestellt, dass die Gesamtwirksamkeit der Impfung bei etwa 95% lag und der Schutz auch 10 Jahre nach Abschluss der Grundimmunisierung noch hoch war. Diese Ergebnisse waren entscheidend für die Befürwortung der derzeit in der Schweiz geltenden Auffrischungsintervalle von 10 Jahren, die seitdem als Vorbild für FSME-Impfempfehlungen in anderen europäischen Ländern dienen. Auf der Grundlage dieser Forschungsergebnisse wurden die FSME-Impfempfehlungen in der Schweiz im Jahr 2024 geändert, wobei das empfohlene Alter für die Erstimpfung von sechs auf drei Jahre gesenkt und die Impfung auf 25 der 26 Kantone ausgeweitet wurde.

Da die Schweiz die digitale Transformation im Gesundheitswesen weiter vorantreibt, bietet unsere aktuelle Digitalisierungsinitiative zudem ein praktisches Beispiel für andere Länder, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Die Verknüpfung von elektronischen Gesundheitsakten mit Impfdaten bietet ein erhebliches Potenzial, um Bevölkerungsgruppen mit geringer Impfquote zu identifizieren und gezielte Massnahmen zu entwickeln. Eine solche digitale Integration könnte die Impfquote bei Kindern und Jugendlichen nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit erheblich verbessern.

 

Die Durchimpfungsrate in der Schweiz ist recht hoch, dennoch gibt es keine Impfpflicht. Warum ist das so?

In einigen Ländern, wie beispielsweise Italien, sind Impfungen obligatorisch und werden akzeptiert. In der Schweiz wäre eine Impfpflicht aufgrund der politischen und kulturellen Rahmenbedingungen jedoch nicht möglich. Dennoch zeigt der Erfolg der Schweiz, dass eine Impfpflicht nicht notwendig ist, um eine hohe Durchimpfungsrate zu erreichen. Dieser Erfolg beruht auf dem starken Vertrauen zwischen der Bevölkerung und den Gesundheitsdienstleistern, gepaart mit hochwertigen, transparenten Daten und einer effektiven Zusammenarbeit zwischen Bundes- und Kantonsbehörden sowie Krankenkassen.

 

Inwieweit ist eine Impfung deiner Meinung nach eine private Entscheidung?

Obwohl Impfungen in der Schweiz rechtlich gesehen eine private Entscheidung sind, reichen ihre Folgen weit über den Einzelnen hinaus. Die Entscheidung gegen eine Impfung wirkt sich auf den Schutz der Gemeinschaft aus, insbesondere auf diejenigen, die nicht geimpft werden können, wie Säuglinge oder immungeschwächte Personen. In diesem Sinne ist eine Impfung sowohl eine persönliche Entscheidung als auch eine öffentliche Verantwortung – eine individuelle Entscheidung mit kollektiven Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit. Veröffentlichte Daten haben gezeigt, dass die Akzeptanz steigt, wenn Eltern und Gesundheitsdienstleister diese kollektive Dimension klar verstehen.

 

Bitte erläutere die Bedeutung von Impfungen im Kindesalter und der Herdenimmunität für ein Land.

Impfungen im Kindesalter gehören nach wie vor zu den wirksamsten Massnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Bei Krankheiten wie Masern ist eine Durchimpfungsrate von 95% unerlässlich, um Ausbrüche zu verhindern und die Bevölkerung zu schützen. Das gleiche Prinzip gilt für die Eliminierung von HPV: Um die Ziele der WHO zu erreichen, benötigen wir eine HPV-Impfquote von mindestens 90% bei Mädchen im Alter von 15 Jahren. Diese Schwellenwerte sind zwar hoch, aber durch nachhaltige Anstrengungen und Vertrauen erreichbar.

 

Wie sicher sind die derzeit empfohlenen Impfungen für Kinder?

Moderne Impfstoffe, darunter HPV, FSME und MMR, weisen ein ausgezeichnetes Sicherheitsprofil auf. Sie werden vor ihrer Zulassung strengen Tests unterzogen und nach ihrer Markteinführung kontinuierlich überwacht. Nebenwirkungen sind äusserst selten, insbesondere im Vergleich zu den schweren Komplikationen der Krankheiten, denen sie vorbeugen – wie Enzephalitis und Lungenentzündung bei Masern oder Gebärmutterhalskrebs bei HPV. Die kontinuierliche Überwachung durch Pharmakovigilanzsysteme in der Schweiz trägt dazu bei, dieses Vertrauen aufrechtzuerhalten.

 

 

Was sind deine grössten Bedenken hinsichtlich der Entwicklung der Impfquote und welche Hoffnungen oder Innovationen stimmen dich optimistisch?

Meine grösste Sorge ist, dass eine stagnierende oder rückläufige Durchimpfungsrate, die durch Fehlinformationen, Polarisierung und konkurrierende globale Krisen noch verstärkt wird, die jahrzehntelangen Fortschritte in der Krankheitsprävention untergraben könnte. Die Pandemie hat gezeigt, wie fragil das Vertrauen der Öffentlichkeit sein kann. Darüber hinaus bestehen weiterhin Lücken bei der Impfung von Jugendlichen und Erwachsenen, die zu gering sind, um einen Schutz auf Bevölkerungsebene zu erreichen.
Dennoch bin ich optimistisch. Die Integration digitaler Tools in Impfsysteme, die Teil unseres Projekts zur digitalen Transformation ist, bietet ein enormes Potenzial für die Modernisierung der Überwachung, die Verbesserung der Datengenauigkeit und die Unterstützung personalisierter Kommunikationsstrategien. Ebenso ermöglichen uns Fortschritte im Bereich des maschinellen Lernens, Impfskepsis vorherzusagen und gezielte, proaktive Massnahmen zu ergreifen. Kontinuierliche Innovationen in Forschung und Technologie werden das Bewusstsein und die Kenntnisse der Öffentlichkeit im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die Wirksamkeit von Impfstoffen und letztlich das Vertrauen in Impfungen weiter stärken.
Schliesslich gibt mir die weltweite Bewegung zur Eliminierung von HPV-assoziierten Krankheiten Hoffnung. Mit einer robusten Überwachung, starken Datensystemen wie das kantonale Durchimpfungsmonitoring und einem gerechten Zugang können wir nicht nur Ausbrüche verhindern, sondern auch auf die Eliminierung von durch Impfungen vermeidbaren Krebsarten hinarbeiten. Diese Entwicklungen zeigen, dass mit anhaltendem Engagement in den nächsten zehn Jahren bemerkenswerte Fortschritte sowohl bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten als auch bei der Krebsprävention durch Impfungen erzielt werden können.

 

Interviewerin: Matilda Casadei


Phung Lang ist Forscherin am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention (EBPI) der Universität Zürich. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Impfquoten, die Epidemiologie von Impfungen und deren Auswirkungen auf Infektionskrankheiten sowie Faktoren, die die Impfbereitschaft in der Bevölkerung beeinflussen.

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