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Trialogue Days 2024 im Rückblick: Prof. Jan Fehr über Dialog, Vertrauen und Verantwortung

Vom 1. bis 5. Dezember 2024 fanden die Trialogue Days in Bengaluru, Indien, statt. Unter dem Motto "Trialogue Days: Planetary Health from Different Perspectives – Mind the Gap" kamen rund 70 Expert:innen aus verschiedenen Disziplinen zusammen, um die komplexen Herausforderungen der planetaren Gesundheit zu diskutieren und zukünftige Kooperationen zu fördern.

Trialogue Days 2024 im Rückblick: Prof. Jan Fehr über Dialog, Vertrauen und Verantwortung

Vom 1. bis 5. Dezember 2024 fanden die Trialogue Days in Bengaluru, Indien, statt. Unter dem Motto "Trialogue Days: Planetary Health from Different Perspectives – Mind the Gap" kamen rund 70 Expert:innen aus verschiedenen Disziplinen zusammen, um die komplexen Herausforderungen der planetaren Gesundheit zu diskutieren und zukünftige Kooperationen zu fördern.

Die Teilnehmenden – darunter Umweltwissenschaftler:innen, Ärzt:innen, Politiker:innen, Journalist:innen und weitere Fachleute – brachten unterschiedliche Perspektiven aus Uganda, Indien und der Schweiz ein. Der Begriff Trialogue verweist auf diesen Austausch zwischen den drei Ländern und betont die interdisziplinäre Zusammenarbeit.

 

Ein besonderes Merkmal der Konferenz war ihr interaktives Format: Jede teilnehmende Person leistete einen aktiven Beitrag – sei es durch eine Rede oder die Teilnahme an einer Podiumsdiskussion. Dies unterschied die Veranstaltung deutlich von klassischen wissenschaftlichen Konferenzen, bei denen viele lediglich als Zuhörende anwesend sind. Ziel war es, einen offenen Dialog zu fördern, der als Grundlage für langfristige Kooperationen dient und konkrete Fortschritte im Bereich der planetaren Gesundheit ermöglicht.

 

Als Vertreter:innen unseres Departements nahmen Prof. Jan Fehr (Departementsleiter), Prof. Milo Puhan (Institutsleiter), Dr. Valerie Luyckx, Prof. Michael Berney, Prof. Thomas Van Boeckel, Dr. Laura Tüshaus-Rudin und dipl. med. Alexander Sieber an den Trialogue Days teil. Zudem waren Prof. Elisabeth Stark (Vizepräsidentin für Forschung der Universität Zürich) und Prof. Frank Rühli (Dekan der medizinischen Fakultät der Universität Zürich) vor Ort.

 

In diesem Interview teilt Departementsleiter und Klinikleiter des Zentrums für Reisemedizin Prof. Jan Fehr seine zentralen Erkenntnisse, diskutiert Herausforderungen und zeigt auf, welche Chancen sich aus den Trialogue Days für die Zukunft ergeben.

 

 

Du bist gerade von den Trialogue Days in Indien zurückgekehrt. Wie würdest Du Deinen Gesamteindruck beschreiben und was ist Dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Besonders beeindruckend war die Vielfalt der Teilnehmenden – Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen, sowohl beruflich als auch kulturell. Es war mehr als nur ein Treffen; es war ein echtes Zusammenkommen, ein echter Trialogue zwischen den drei Regionen. Ich möchte hier Andrew Kambugu zitieren: „Deep listening“ – also wirkliches Zuhören – ermöglichte es, verschiedene Perspektiven einzunehmen, spannende Diskussionen zu führen und so voneinander zu lernen. Das eröffnete neue Sichtweisen auf bestehende Herausforderungen und legte die Grundlage für innovative Lösungen.

 

Ein weiterer zentraler Punkt war der Rahmen des Vertrauens, was diese Trialogue Days ganz speziell machte. Die Teilnehmenden verband nicht nur das gemeinsame Thema, sondern auch die Art und Weise, wie wir interagierten. Das Format spielte dabei eine Rolle. Wir haben das Ganze über 1.5 Jahre geplant und das Treffen bewusst so gestaltet, dass es viele natürliche Berührungspunkte ("touch points", wie wir es nannten) gab – sei es beim gemeinsamen Fahrradfahren zum Veranstaltungsort oder bei Aktivitäten ausserhalb der Konferenzräume. Diese informellen Begegnungen haben den Austausch enorm gefördert, ein wichtiger Aspekt!

 

Besonders eindrücklich war ein Moment in der Abschlussrunde, als jemand offen über eigene Vorurteile sprach. Die Einsicht, dass wir alle – bewusst oder unbewusst – gewisse Vorannahmen mitbringen, war bewegend. Das zeigte mir, dass hier echtes Vertrauen entstanden war, das es ermöglichte, sich ehrlich und kritisch mit sich selbst auseinanderzusetzen. Genau solche offenen Gespräche sind essenziell, um über den eigenen Schatten zu springen und neue Lösungswege zu finden.

 

 

Die Trialogue Days fanden unter dem Motto "Mind the Gap" statt. Wo siehst Du persönlich die grössten Lücken, die es zu schliessen gilt?

Überall dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammentreffen und ihre Perspektiven austauschen, werden Lücken sichtbar. Genau das ist der erste Schritt: Sie zu benennen, um sie dann gezielt anzugehen. Man kann vieles analysieren - aber wenn die Handlung ausbleibt, haben wir eigentlich immer noch nichts gewonnen. Besonders deutlich wurde mir das während eines beeindruckenden Vortrags von Suzanne Suggs

 

Sie zeigte, wie essenziell die Geistes- und Sozialwissenschaften sind, wenn es darum geht, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Gesellschaft zu tragen. Social Sciences, Marketing, Verhaltenspsychologie – all diese Disziplinen spielen eine Schlüsselrolle, wenn wir „One Health“ oder „Planetary Health“ wirklich ernst nehmen.

Hier haben wir an der Universität Zürich einen entscheidenden Vorteil: Als Volluniversität vereinen wir Expertise aus verschiedensten Fachrichtungen. Wenn wir interdisziplinär arbeiten und diese Ressourcen gezielt nutzen, können wir innovative und umsetzbare Lösungen entwickeln. Doch eine weitere grosse Lücke wurde in den Diskussionen ebenfalls klar: Wir sind eine privilegierte Community, ein winziger Bruchteil der Weltbevölkerung, der in diesem akademischen Diskurs mitreden kann.

 

Wenn wir echte Veränderung bewirken wollen, müssen wir über die Wissenschaft hinausdenken und diejenigen einbeziehen, die mit den praktischen Herausforderungen täglich konfrontiert sind – wie beispielsweise Landwirte, die ihre Existenz sichern müssen. Ein Besuch auf einer Hühnerfarm hat dies eindrücklich gezeigt: Natürlich wäre es ideal, auf Antibiotika zu verzichten, aber für viele Betriebe bedeutet das geringere Einnahmen. Dort traf ich einen Familienvater, der seinen Kindern eine Ausbildung ermöglichen möchte. Seine Realität ist eine andere als unsere akademische Debatte – und genau diese Perspektiven müssen wir verstehen, wenn wir nachhaltige Lösungen entwickeln wollen.

 

 

Gab es eine:n bestimmte:n Redner:in, einen Vortrag oder eine Diskussion, die Dich besonders inspiriert hat?

Es gab viele inspirierende Vorträge und Diskussionen, aber besonders beeindruckend fand ich die interaktiven Gespräche. Wir hatten Input-Referate von vier bis fünf Expert:innen, die anschliessend mit dem Publikum diskutierten. Am spannendsten war für mich, zu beobachten, wie die Teilnehmenden begonnen haben, eine gemeinsame Sprache zu finden – wie beispielsweise durch das Übernehmen neuer Konzepte, wie etwa „Deep Listening“, wie bereits vorhin erwähnt.

 

Ein Vortrag, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war der einer Nephrologin aus Delhi. Sie sprach über eine neue Nierenerkrankung, deren Ursache noch nicht vollständig geklärt ist, die aber vermutlich mit dem Klimawandel und der Hitze in Zusammenhang steht – ein hochrelevantes und faszinierendes Thema.

Immer wieder beeindruckt mich auch Harriet MayanjaSie schafft es, mit bemerkenswerter Bodenständigkeit und gesundem Menschenverstand selbst komplexe Sachverhalte verständlich und greifbar zu machen.

 

 

Das Zentrum für Reisemedizin gehört zum Departement für Public & Global Health der Universität Zürich. Inwiefern unterscheidet sich das Konzept Global Health von Planetary Health und One Health?

Diese drei Begriffe sind historisch gewachsen und überschneiden sich in vielen Aspekten. One Health ist der älteste, stammt ursprünglich aus der Veterinärmedizin und wurde insbesondere durch Calvin Schwabe geprägt. Der Ansatz betont die enge Verbindung zwischen Human-, Tier- und Umweltgesundheit.

Mit der wachsenden Bedeutung der Klimakrise rückten Umwelt- und Klimafaktoren stärker in den Fokus. 2014 veröffentlichten Horton et al. im Lancet ein Planetary Health Manifest, das den Begriff „Planetare Gesundheit“ etablierte. Planetary Health geht über One Health hinaus, indem es die Wechselwirkungen zwischen menschlicher Gesundheit, ökologischen Systemen und globalen Veränderungen wie dem Klimawandel noch stärker betont.

 

Global Health wiederum verbindet viele dieser Aspekte, legt aber zusätzlich einen Schwerpunkt auf Gerechtigkeit – insbesondere entlang der Nord-Süd-, bzw. West-Ost-Achse. Es geht darum, globale Ungleichheiten in Gesundheitsfragen zu erkennen und zu adressieren, oft in direktem Zusammenhang mit den Folgen des Klimawandels.

 

 

Wichtiger als strikte Definitionen ist jedoch der gemeinsame systemische Ansatz. Entscheidend ist, Synergien zu erkennen und zu nutzen. Ein Beispiel: Wer in einem abgelegenen Dorf im Tschad Menschen gegen Tollwut impft, sollte auch an die Hunde denken, da die Bekämpfung der Krankheit bei Tieren oft der wirksamste Weg ist, Menschen zu schützen. Dieses vernetzte Denken – System Thinking – ist essenziell, um nachhaltige Lösungen zu finden.

 

 

In der Diskussion rund ums Thema Klimawandel und planetare Gesundheit dominiert meist ein düsteres Zukunftsbild. War das bei der Konferenz auch der Fall?

Ich fand es ermutigend, dass bei der Konferenz nicht nur die Herausforderungen des Klimawandels thematisiert wurden, sondern auch die Chancen, die sich daraus ergeben. Die Organisatoren legten Wert darauf, eine Perspektive zu fördern, die über das reine Problematisieren hinausgeht. Es geht darum, aus dem Anthropozän herauszudenken – also aus einer Welt, die der Mensch primär für seinen Nutzen geformt hat – und zu erkennen, dass wir planetare Grenzen respektieren müssen, um langfristig eine lebenswerte Zukunft zu sichern, Stichworte Klimawandel, Co2-Emissionen, Treibhausgase.

 

Ein Beispiel, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, brachte Bernadette Nirmal Kumar in die Diskussion ein: Migration wird oft als Bedrohung wahrgenommen, dabei birgt sie enormes Potenzial. Unsere Gesellschaften profitieren seit jeher von kulturellem Austausch – sei es in unserer Esskultur oder in der Infrastruktur, wie etwa bei der Rheinbegradigung, die ohne die Unterstützung italienischer Arbeitskräfte kaum denkbar gewesen wäre.

Um Veränderungen aktiv zu gestalten, braucht es ein neues Mindset. Hoffnung ist dabei essenziell, denn ohne positive Zukunftsperspektiven fehlt uns der Antrieb, morgens aufzustehen und an Lösungen zu arbeiten. Dieses hoffnungsvolle Narrativ wurde auf der Konferenz bewusst gefördert.

 

 

Welchen Bezug hat das Konzept der planetaren Gesundheit zu unserer Arbeit in der Klinik? Und gibt es etwas, dass Du nun in Deiner Arbeit als Klinikleiter des Zentrums für Reisemedizin verändern würdest?

Wenn wir ein paar Jahre zurückblicken: Als ich 2017 hier anfing, hiess das Departement noch „Public Health“. Doch durch den intensiven Austausch, den ich unter anderem mit Uganda pflegte – auch als Mandat der medizinischen Fakultät der Universität Zürich –, wurde mir schnell klar: Ein Departement, das Reisemedizin im Fokus hat, muss breiter aufgestellt sein. Deshalb war die Erweiterung zu „Public & Global Health“ ein logischer Schritt. Global Health bedeutet auch globale Verantwortung – und genau das spielt eine immer grössere Rolle in unserer Arbeit am Zentrum für Reisemedizin.

 

Konkret bedeutet das zum einen, dass wir das Konzept des „responsible traveling“ stärker in den Fokus rücken. Wie können wir Reisende sensibilisieren, nachhaltig zu reisen – im Hinblick auf Umwelt, aber auch auf die Menschen vor Ort? Tourismus ist für viele Länder eine essenzielle Einnahmequelle. Deshalb sollten Reisende sich bewusst machen, wohin ihr Geld fliesst: Unterstützt es tatsächlich die lokale Bevölkerung oder landet es auf einer europäischen Bank?

 

Zum anderen wollen wir uns noch stärker für eine Gruppe einsetzen, die oft übersehen wird: die sogenannten VFRs („Visiting Friends and Relatives“). Das sind Menschen, die nicht aus Freizeitgründen reisen, sondern aus wirtschaftlichen oder politischen Zwängen ihr Herkunftsland verlassen mussten. Für sie wollen wir das Zentrum für Reisemedizin als verlässliche Anlaufstelle weiter ausbauen. Dieser Aspekt der globalen Verantwortung wird in unserer Arbeit zunehmend wichtiger.

 

 

Welche praktischen Ratschläge kannst Du besonders Reisenden geben, um die planetare Gesundheit zu fördern?

Zunächst einmal lohnt es sich, ganz bewusst zu überlegen: Was erhoffe ich mir von dieser Reise? Welche Sehnsüchte verbinde ich damit? Und was ist der Preis dafür – nicht nur monetär, sondern auch ökologisch und sozial? Wir alle kennen das: Das Wetter ist grau, der Alltag stressig, und spontan wird eine Reise gebucht – irgendwohin, wo es warm ist. Aber oft wissen wir gar nicht genau, wo wir am Ende landen oder welchen Einfluss unsere Reise auf die Destination hat.

 

Der erste Schritt zu verantwortungsvollem Reisen ist daher eine bewusste Planung. Sich gut über das Reiseziel zu informieren und sich zu fragen: Entspricht das, was ich dort erlebe, auch wirklich meinen Erwartungen? Kommt mein Geld tatsächlich der lokalen Bevölkerung zugute? Werden die Menschen vor Ort fair entlohnt? Wird mit den Ressourcen verantwortungsvoll umgegangen? Und vor allem: Würden wir es zuhause auch so machen, oder profitieren wir einfach nur von einem System, das langfristig Schaden anrichtet?

 

Ein zentraler Punkt ist es, sich als Gast zu verstehen – mit Respekt für die Kultur, die Menschen und die Natur. Reisen sollte keine Einbahnstrasse sein, bei der man sich einfach nur verwöhnen lässt und anschliessend zurückfliegt, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Es geht darum, Erlebnisse zu schaffen, die nicht nur uns selbst bereichern, sondern auch einen positiven Fussabdruck hinterlassen.

 

Letztendlich nehmen wir von jeder Reise nicht nur Sonnenstrahlen mit, sondern hoffentlich auch eine tiefere Wärme im Herzen – eine Verbindung zu den Menschen und Orten, die uns empfangen haben.

 

 

Trialogue Days 2026

Die Trialogue Days 2026 finden vom 30. August bis 3. September in Zürich statt.

Hier finden Sie mehr Informationen dazu!

 

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