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Zika, Reisen und Kinderwunsch

Im Gespräch mit Frau Dr. med. Christina Coelius

„Wir verreisen in drei Wochen nach Thailand in die Flitterwochen. Danach möchten wir bald schwanger werden – ist das ein Problem?“

Solche und ähnliche Fragen erreichen uns als Klinik für Reisemedizin regelmässig. Viele werdende Eltern oder Paare mit Kinderwunsch sind verunsichert, insbesondere weil eine Zika-Infektion während der Schwangerschaft mit schweren Fehlbildungen beim ungeborenen Kind in Verbindung gebracht wird.

Zika, Reisen und Kinderwunsch

Im Gespräch mit Frau Dr. med. Christina Coelius

„Wir verreisen in drei Wochen nach Thailand in die Flitterwochen. Danach möchten wir bald schwanger werden – ist das ein Problem?“

Solche und ähnliche Fragen erreichen uns als Klinik für Reisemedizin regelmässig. Viele werdende Eltern oder Paare mit Kinderwunsch sind verunsichert, insbesondere weil eine Zika-Infektion während der Schwangerschaft mit schweren Fehlbildungen beim ungeborenen Kind in Verbindung gebracht wird.


Frau Dr. med. Christina Coelius ist Oberärztin in der Klinik für Geburtshilfe am Universitätsspital Zürich.

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Reisen und Kinderwunsch schliessen sich nicht aus, aber sie werfen Fragen auf. Viele Paare planen eine Fernreise oder Flitterwochen und möchten danach möglichst bald schwanger werden. Andere sind bereits schwanger, wenn eine berufliche oder familiäre Reise in ein tropisches Land ansteht. Spätestens beim Stichwort Zika tauchen Unsicherheit und Sorge auf.


Wir haben bei einer Expertin nachgefragt. Frau Dr. med. Christina Coelius ist Oberärztin der Klinik für Geburtshilfe am Universitätsspital Zürich und beantwortet die wichtigsten Fragen rund um Zika und Schwangerschaft.

 

 

Frau Dr. med. Coelius, viele erinnern sich an die Bilder der Zika-Virus-Epidemie aus Südamerika 2015/2016. Wie hat sich die Situation seither verändert? Müssen sich Reisende heute immer noch gleich stark Sorgen machen?

2015 hat sich das Virus von Brasilien ausgehend über grosse Teile des amerikanischen Kontinents und die Karibik stark ausgebreitet; bis Ende 2016 schätzte die WHO, dass rund 4’000’000 Menschen infiziert waren. Seither sind die Infektionszahlen deutlich zurückgegangen, was sich am ehesten durch eine sogenannte Herdenimmunität erklären lässt. Trotzdem gibt es weiterhin Regionen auf der Welt, in denen das Virus endemisch ist, also nach wie vor vorkommt.


 

Wie häufig kommt es denn tatsächlich zu Zika-Infektionen bei Reisenden? Ist das etwas, das Sie im Klinikalltag in der Schweiz noch oft sehen?

Insgesamt sehen wir Zika-Infektionen bei Reisenden sehr selten. In Europa und auch in der Schweiz wurde 2016 eine Meldepflicht eingeführt. Seither sind beim Bundesamt für Gesundheit 75 Fälle registriert worden. Im Jahr 2023 wurde der erste Fall seit 2019 gemeldet, das heisst, es gab zuvor vier Jahre lang keinen registrierten Fall. Wenn Zika bei uns auftritt, dann praktisch immer im Zusammenhang mit einer Reise – im Klinikalltag ist das aber eine grosse Ausnahme.

 

 

Was sind das genau für Fehlbildungen und weiteren Auswirkungen, die eine Zika-Infektion in der Schwangerschaft beim ungeborenen Kind haben kann?

Wenn es in der Schwangerschaft zu einer Zika-Infektion kommt, können sehr schwerwiegende Fehlbildungen und weitere Komplikationen beim Kind auftreten. Typisch ist eine sogenannte Mikrozephalie, das heisst, der Kopf ist im Verhältnis zum Körper zu klein. Hinzu kommen gravierende Hirnfehlbildungen, etwa Verkalkungen im Gehirn oder Fehlbildungen im Bereich des Kleinhirns.

 

Darüber hinaus kann es zu einer Mikrophthalmie kommen, also zu zu kleinen Augen, zu Hörverlust sowie zu Fehlbildungen der Extremitäten, beispielsweise Klumpfüssen. Auch eine Lungenhypoplasie, bei der die Lunge nicht vollständig ausgebildet ist, wird beschrieben.

 

Zusätzlich können Zika-Infektionen in der Schwangerschaft zu einer Wachstumsrestriktion führen, das heisst, das Kind bleibt insgesamt zu klein. Ausserdem sind eine erhöhte Fehlgeburtsrate und eine Zunahme von Frühgeburten beschrieben.

 

Man geht davon aus, dass bei einer Infektion im ersten Trimester in etwa 11 % der Fälle ein solches Zika-assoziiertes Fehlbildungssyndrom auftreten kann. Grundsätzlich entwickelt sich das Gehirn des Feten jedoch während der gesamten Schwangerschaft und auch noch nach der Geburt weiter. Deshalb muss man davon ausgehen, dass eine Infektion in jeder Phase der Schwangerschaft die Gehirnentwicklung negativ beeinflussen kann.

 

 

Der Begriff Guillain-Barré-Syndrom wird im Zusammenhang mit auch Zika oft erwähnt. Worum handelt es sich dabei?

Beim Guillain-Barré-Syndrom handelt es sich um eine seltene Autoimmunerkrankung, die die Nerven betrifft und zu aufsteigenden Lähmungserscheinungen führen kann. Die Beschwerden beginnen häufig an Händen und Füssen; im schlimmsten Fall kann es zu einer Atemlähmung kommen.

 

Das Risiko, nach einer Zika-Infektion daran zu erkranken, wird auf etwa 2,4 Fälle pro 10’000 Infizierte geschätzt. Betroffen ist jeweils die infizierte Person, also in unserem Kontext die schwangere Frau oder ihr Partner.

 

 

Viele unserer Kundinnen und Kunden sind erstaunt, wenn sie erfahren, dass nicht nur die (potenzielle) Mutter sich schützen muss, sondern dass auch ihre Sexualpartner das Virus weitergeben können. Wie funktioniert das genau?

Das Zika-Virus ist sowohl im Sperma als auch im Vaginalsekret nachweisbar und kann daher sexuell übertragen werden. Ein infizierter Partner kann die Infektion somit auf die werdende Mutter übertragen.

Der Schutz des Partners ist ein entscheidender Faktor, um das Risiko für die Schwangerschaft zu reduzieren.

 

 

 

Was raten Sie einer Frau, die bereits schwanger ist und eine Reise in ein Zika-Gebiet geplant hat? Manche Reisen sind aus beruflichen oder familiären Gründen unvermeidbar…

Zika wird über bestimmte Mückenarten übertragen, die in diesen Regionen vorkommen. Deshalb empfiehlt man während der gesamten Reise – tagsüber und nachts – einen konsequenten Mückenschutz. Dazu gehören Mückensprays mit DEET-haltigen Wirkstoffen, die in der Schwangerschaft als unbedenklich gelten, sowie mit Permethrin imprägnierte Kleidung. Ausserdem sind lange, helle Kleidung und das Meiden der Dämmerungszeiten sinnvoll.

 

 

Wichtig ist auch zu wissen, dass diese Mücken vor allem in Gebieten unterhalb von etwa 2’000 Metern über Meer verbreitet sind. In höher gelegenen Städten ist das Risiko etwas geringer, dennoch sollten die Schutzmassnahmen auch dort eingehalten werden.

 

Aufgrund der möglichen sexuellen Übertragung sollte zusätzlich entweder auf Geschlechtsverkehr verzichtet oder konsequent Kondome verwendet werden – und zwar unabhängig davon, ob es sich um vaginalen, analen oder oralen Verkehr handelt.

 

 

Viele Paare fragen uns: «Ab wann dürfen wir nach einer Reise versuchen, schwanger zu werden?» Gelten dabei für Frauen und Männer die gleichen Wartezeiten?

Grundsätzlich empfiehlt man als Faustregel, nach einer Reise in ein Gebiet mit möglicher Zika-Übertragung während drei Monaten nicht schwanger zu werden. Diese Empfehlung gilt für beide Partner.

Wenn man es genauer differenziert, sollten Männer mindestens drei Monate warten, Frauen mindestens zwei Monate. Das hängt damit zusammen, wie lange das Virus im jeweiligen Genitaltrakt nachweisbar sein kann. Wenn ein Paar gemeinsam in ein Zika-Gebiet gereist ist und auf Nummer sicher gehen möchte, ist eine Wartezeit von drei Monaten ein guter und pragmatischer Richtwert.

 

 

Hinweis des Zentrums für Reisemedizin zu Zika-Tests

 

Basierend auf den offiziellen Empfehlungen des Schweizerischen Expertenkomitees für Reisemedizin (EKRM) werden Zika-Tests bei asymptomatischen Reiserückkehrenden im ZRM grundsätzlich nicht angeboten. Stattdessen empfehlen wir, die vom EKRM empfohlene Wartezeit von zwei Monaten nach einer möglichen Exposition einzuhalten, bevor eine Schwangerschaft geplant wird.

 

Zwar stehen Labortests auf Zika zur Verfügung, deren Aussagekraft ist jedoch begrenzt. Ein negativer Befund kann eine Infektion nicht sicher ausschliessen, und ein positives Resultat ist nicht immer eindeutig interpretierbar. Insbesondere Antikörpertests können durch Kreuzreaktionen mit anderen verwandten Viren oder durch frühere Impfungen verfälscht werden.

 

Im Rahmen einer persönlichen reisemedizinischen Konsultation besprechen wir mit Ihnen vor Ihrer Reise individuell, wie Ihr Risiko einzuschätzen ist und ab wann Sie die Familienplanung wieder unbesorgt aufnehmen können. Bei Fragen nach Ihrer Rückkehr steht Ihnen unsere Sprechstunde für Reiserückkehrende zur Verfügung.

 

Was möchten Sie Paaren mit Kinderwunsch mit auf den Weg geben, die verunsichert sind, weil sie eine Reise planen oder gerade hinter sich haben?

Ich würde Paaren, bei denen die Konzeption noch nicht stattgefunden hat, im Zweifelsfall empfehlen, die drei Monate abzuwarten. Diese Drei-Monats-Frist basiert auf den Daten der bisher berichteten Fälle, bei denen eine Zika-Infektion mit Schwangerschaftskomplikationen in Zusammenhang gebracht wurde. Wenn dieser Zeitraum verstrichen ist, kann man mit hoher Sicherheit davon ausgehen, dass keine relevante Infektion mehr besteht. Bis dahin sollten Paare entweder auf Geschlechtsverkehr verzichten oder konsequent Kondome verwenden.

Wenn eine Reise noch geplant ist – klassischerweise etwa die Flitterwochen – und klar ist, dass eine Schwangerschaft zeitnah gewünscht wird, würde ich im Zweifel eher auf Destinationen verzichten, in denen das Virus vorkommt. Es gibt sehr gute interaktive Karten, auf denen das Zika-Risiko pro Region dargestellt wird. Oft ist es eine gute Alternative, in Europa zu bleiben. Ein klassisches Beispiel für eine beliebte Honeymoon-Destination etwas weiter weg ohne Zika-Risiko ist Mauritius.

 

 

Vielen Dank für das spannende Gespräch und alles Gute!

 

Interview: Sofia Ricar


Frau Dr. med. Christina Coelius ist Oberärztin in der Klinik für Geburtshilfe am Universitätsspital Zürich.

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