Im Auslandseinsatz in Kalkutta: Unsere Assistenzärztin zwischen Klinik und Forschung
Dr. med. Natalie Gassmann Reyes ist Assistenzärztin für Tropen- und Reisemedizin am Zentrum für Reisemedizin (ZRM). Dass ihre Weiterbildung sie einmal nach Kalkutta führen würde, hatte sie nicht erwartet: «Ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass ich jemals im Rahmen meiner Ausbildung nach Indien reisen würde.»
Im Auslandseinsatz in Kalkutta: Unsere Assistenzärztin zwischen Klinik und Forschung
Dr. med. Natalie Gassmann Reyes ist Assistenzärztin für Tropen- und Reisemedizin am Zentrum für Reisemedizin (ZRM). Dass ihre Weiterbildung sie einmal nach Kalkutta führen würde, hatte sie nicht erwartet: «Ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass ich jemals im Rahmen meiner Ausbildung nach Indien reisen würde.»
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#Reisemedizin #Interview #Indien
Seit einigen Jahren pflegt das Department of Public and Global Health der Universität Zürich, zu dem auch das ZRM gehört, eine Zusammenarbeit mit dem KPC Medical College and Hospital in Kalkutta, Indien. Ziel dieser Kollaboration ist es unter anderem, den fachlichen Austausch zu fördern und gemeinsame Programme zur Verbesserung der Infektionskontrolle zu entwickeln, auch mit Blick auf die Verringerung von Antibiotikaresistenzen.
Auf dem Weg zur Tropenmedizinerin
Im Rahmen ihrer Weiterbildung arbeitet Natalie für sechs Monate am KPC Medical College and Hospital in Kalkutta. Sie ist damit die erste Ärztin des ZRM im Bereich Tropenmedizin, die im Zuge dieser Kollaboration in Kalkutta im Einsatz ist. Dort begleitet sie den klinischen Alltag auf der Inneren Medizin, rotiert regelmässig auf die Dermatologie und ist zusätzlich in wissenschaftliche Arbeiten zu Antibiotikaresistenzen eingebunden.
Der Auslandseinsatz ist ein fester Bestandteil der Weiterbildung in Tropenmedizin. Er eröffnet die Möglichkeit, Krankheitsbilder und Gesundheitssysteme kennenzulernen, die sich deutlich vom klinischen Alltag in der Schweiz unterscheiden.
Aufgrund der Zusammenarbeit zwischen dem ZRM und dem KPC lag ein Aufenthalt in Kalkutta nahe. Für Natalie ist Indien jedoch nur eine Etappe auf ihrem weiteren Ausbildungsweg. Nach einem kurzen Zwischenhalt in der Schweiz geht es für sie zusammen mit ihrem Partner weiter nach Thailand, wo sie an der School of Tropical Medicine in Bangkok an der Mahidol University das Diploma in Tropical Medicine and Hygiene (DTM&H) erwerben wird. «Da wird ein richtiger Traum für mich wahr.»
Zwischen Visite, Fallbesprechung und Forschung
Am KPC Medical College and Hospital ist Natalie in den klinischen Alltag eingebunden. Der Schwerpunkt liegt auf der Inneren Medizin, ergänzt durch regelmässige Einblicke in die Dermatologie. Ihr Arbeitsalltag umfasst Visiten, Fallbesprechungen und die Mitwirkung am klinischen Geschehen. Am Nachmittag arbeitet sie in Projekten der Mikrobiologie und Pharmakologie mit, während die Abendstunden häufig den Weiterbildungen im Rahmen der Continuous Medical Education gewidmet sind.
Diese Verbindung aus klinischer Arbeit, Lehre und Wissenschaft macht ihren Aufenthalt in Kalkutta besonders. Geprägt wird diese Zeit jedoch nicht nur von der Arbeit, sondern auch von persönlichen Eindrücken, neu entstandenen Freundschaften und Erfahrungen ausserhalb des klinischen Alltags.
Kalkutta und Zürich: zwei unterschiedliche Klinikwelten
Auf die Frage, wie sich der Arbeitsalltag im KPC vom Spitalalltag in der Schweiz unterscheidet, antwortet Natalie lachend: «Darüber könnte ich ein Buch schreiben. Wo soll ich anfangen?»
Ein wesentlicher Unterschied liegt in den pro Patient:in verfügbaren Ressourcen und in den organisatorischen Abläufen. Auch in hygienischer Hinsicht sei vieles anders: «Meinen Ärztekittel habe ich vergebens mitgenommen. Ärztinnen und Ärzte arbeiten häufig in Alltagskleidung.» Ebenso unterscheiden sich Therapiegespräche mit Patient:innen und Angehörigen deutlich von denen in der Schweiz. Nicht immer steht die medizinisch optimale Therapie im Vordergrund, sondern oft jene, die für die Patient:innen überhaupt finanziell tragbar ist.
Ein weiterer Unterschied zeigt sich im Pensum. Während am KPC eine Sechs-Tage-Woche zum Standard gehört, beschreibt Natalie die Arbeit gleichzeitig als weniger hektisch: «Aus ärztlicher Sicht arbeitet man viel mehr und länger, dafür aber deutlich entspannter. Es herrscht keine Hektik, selbst eine REA (Reanimation) läuft ruhig ab. Zudem sind die Ärzte 24/7 verfügbar.»
Auch fachlich und didaktisch erlebt sie deutliche Unterschiede. Von den Assistenzärzt:innen wird viel theoretisches Wissen erwartet, teils sehr detailliert. Bei Fallpräsentationen werden sämtliche klinische Untersuchungstechniken abgefragt und ausführlich diskutiert, fast wie zu Studienzeiten. «Das ist bei uns auf jeden Fall etwas anders», sagt Natalie. «Da wird viel mehr patientenzentriert gelehrt und gelernt.»
Sprachlich ist der Arbeitsalltag ebenfalls herausfordernd. Natalie spricht von einer «doppelten Sprachbarriere»: «Im Alltag rein englische Fachbegriffe zu verwenden, zusammen mit dem indischen Akzent, war anfänglich herausfordernd.» In ihrem Fall könnte man fast von einer dreifachen Sprachbarriere sprechen: Neben Englisch spielt im Alltag auch Bengali eine wichtige Rolle. Grundkenntnisse in Bengali hat sich Natalie inzwischen ebenfalls angeeignet: «Die Einheimischen freuen sich und schätzen es ungemein, wenn sie hören, wie ich mich in ihrer Sprache ausdrücke. Oft zaubert das sofort ein Lächeln auf ihre Gesichter und schafft auf Anhieb eine Verbindung.»

Assistenzärzt:innen vom KPC und Natalie (zweite von links), zur Feier der Göttin der Weisheit, Saraswati Puja
Antibiotikaresistenzen im Fokus
Neben ihrer klinischen Tätigkeit ist Natalie auch in wissenschaftliche Arbeiten eingebunden. Sie unterstützt eine retrospektive Studie von Prof. Dr. med. Hugo Sax, die die Prävalenz von Antibiotikaresistenzen auf der Intensivstation des KPC untersucht.
Damit ist ihr Aufenthalt nicht nur eine wertvolle klinische Erfahrung, sondern auch Teil eines grösseren wissenschaftlichen Austauschs zwischen Zürich und Kalkutta.

Auf der KPC-Station Innere Medizin 6 (Unit 6) mit Hugo Sax (hintere Reihe, vierter von links).
Eine Woche am Institut für Tropenmedizin
Zusätzlich zu ihrer Arbeit am KPC steht für Natalie auch ein Einsatz am Tropeninstitut in Kalkutta an. «Ich hoffe, dass ich nebst vielen internistischen Fällen, denen ich bisher begegnet bin, auch noch einigen spannenden tropenmedizinischen Fällen begegne», sagt sie. Besonders freut sie sich auf den Austausch mit Kolleg:innen, die ihre Leidenschaft für Infektiologie und Tropenmedizin teilen.
Ein Stück Lateinamerika in Kalkutta
Einen wichtigen Ausgleich zum Arbeitsalltag findet Natalie in ihrer langjährigen Leidenschaft fürs Tanzen. In Kalkutta hat sie Anschluss an die lokale Salsa-Szene gefunden: «Ich tanze schon seit über 15 Jahren lateinamerikanische Paartänze, vor allem Salsa und Bachata. Zum Glück gibt es in Kalkutta eine grossartige Salsa Community, der ich beigetreten bin.»
Mehr als nur ein beruflicher Einsatz
So bereichernd der Aufenthalt in Kalkutta auch ist, bringt er doch auch Herausforderungen mit sich. Für Natalie ist es das erste Mal in Indien. Herausfordernd war für sie vor allem die Erfahrung, sich selbst in einer fremden Kultur mit grossen und teils schwer nachvollziehbaren Kontrasten zu erleben. Neben den medizinischen Eindrücken war insbesondere auch das ungewohnte kulturelle Umfeld prägend.
Besonders bewegt haben sie Fälle, in denen aus finanziellen Gründen keine weiteren medizinischen Massnahmen mehr möglich waren. Solche Erfahrungen machen demütig und erweitern den Blick auf Medizin, Gesundheitssysteme und globale Ungleichheiten.
Anderen Ärzt:innen, die einen ähnlichen Auslandseinsatz planen, rät Natalie deshalb, wenn möglich bereits klinische Erfahrung mitzubringen. Darüber hinaus seien eine offene Haltung gegenüber neuen und ungewohnten Gegebenheiten sowie ein gewisses Mass an Geduld von grossem Vorteil. Auch helfe es, mit unerwarteten Situationen möglichst gelassen umzugehen und sich bei Herausforderungen nicht entmutigen zu lassen.
Erfahrungen für die Zukunft
Nach ihrer Rückkehr nach Zürich möchte Natalie die Zusammenarbeit mit dem KPC und der School of Tropical Medicine unbedingt weiterführen, insbesondere in Form regelmässiger Falldiskussionen. Sie hofft, dass ihr Einsatz zu einem langfristigen fachlichen Austausch beitragen kann.
«Ich denke, wir können noch sehr viel voneinander lernen.»
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