Klimawandel und die Ausbreitung von durch Zecken übertragenen Krankheiten
In den letzten Jahren ist der Einfluss des Klimawandels auf die globale Gesundheit zu einem immer dringlicheren Thema geworden. Während die unmittelbarsten Folgen häufig mit extremen Wetterereignissen und dem Anstieg des Meeresspiegels in Verbindung gebracht werden, gibt es eine subtilere, aber ebenso bedeutende Bedrohung in Europa: die Ausbreitung von Krankheiten in neue Regionen. Als Expert:innen der Reisemedizin können wir uns leicht eine Zukunft vorstellen, in der wir jemanden nicht für eine Reise nach Asien, sondern für eine Zugfahrt ins Tessin darüber beraten, wie man sich vor einer Krankheit wie dem Dengue-Fieber schützt.
Klimawandel und die Ausbreitung von durch Zecken übertragenen Krankheiten
In den letzten Jahren ist der Einfluss des Klimawandels auf die globale Gesundheit zu einem immer dringlicheren Thema geworden. Während die unmittelbarsten Folgen häufig mit extremen Wetterereignissen und dem Anstieg des Meeresspiegels in Verbindung gebracht werden, gibt es eine subtilere, aber ebenso bedeutende Bedrohung in Europa: die Ausbreitung von Krankheiten in neue Regionen. Als Expert:innen der Reisemedizin können wir uns leicht eine Zukunft vorstellen, in der wir jemanden nicht für eine Reise nach Asien, sondern für eine Zugfahrt ins Tessin darüber beraten, wie man sich vor einer Krankheit wie dem Dengue-Fieber schützt.
Im Laufe der Geschichte hat die Migration von Menschen die Verbreitung von Krankheitserregern begünstigt. In den 1970er-Jahren, als Langstreckenflüge erschwinglicher wurden, konnte der Durchschnittsmensch erstmals in der Geschichte innerhalb weniger Stunden um die halbe Welt reisen – und ebenso schnell wieder zurückkehren. Dieser plötzliche Anstieg der globalen Mobilität führte direkt zur Entstehung eines neuen medizinischen Fachgebiets: der Reisemedizin. Die klassische Reisemedizin konzentriert sich vor allem auf die Vorbereitung vor der Abreise. Für Menschen in Europa bedeutet das meist die Prävention von Tropenkrankheiten – etwa durch Malariaprophylaxe oder eine Gelbfieberimpfung, je nach Reiseziel – sowie die Überprüfung des Impfschutzes gegen grundlegende Krankheiten wie Masern. Doch was, wenn Tropenkrankheiten nicht mehr nur auf die Tropen beschränkt sind? Denn nicht nur Menschen reisen heute häufiger denn je – auch andere Krankheitsüberträger (sogenannte Vektoren) wie Mücken oder Zecken breiten sich zunehmend aus. Und der Klimawandel spielt ihnen dabei direkt in die Hände. Werfen wir einen Blick auf ein lokales Beispiel.
Ein bereits verlorener Kampf?
Wer in der Schweiz von einer Zecke gebissen wird, kann sich mit einer durch Zecken übertragenen Krankheit infizieren. Eine solche Krankheit ist die Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME, die durch ein Virus verursacht wird. Dieses wird von Zecken übertragen und befällt das zentrale Nervensystem – also Gehirn und Rückenmark.
FSME ist in der Schweiz ein viel grösseres Problem, als den meisten bewusst ist. Während die Krankheit in den 1970er-Jahren erstmals im Nordosten des Landes gemeldet wurde, hat sie sich seither stark ausgebreitet. Heute zählt die Schweiz zu den am stärksten betroffenen Ländern Europas, mit einer der höchsten Prävalenzen weltweit. Inzwischen gilt jeder Kanton als Risikogebiet, mit Ausnahme des Tessins.
Doch weil FSME in der Schweiz noch als relativ neues Problem wahrgenommen wird, ist das Bewusstsein in der Bevölkerung gering. Eine aktuelle Studie zeigte, dass die Schweiz unter den europäischen FSME-Endemiegebieten das Land mit der geringsten Bekanntheit der Krankheit ist1.
Auch die Lyme-Borreliose oder das neu entdeckte Alongshan-Virus (ALSV) werden durch Zecken übertragen, und sind ein weitaus grösseres Problem, als viele vermuten.
Aufgrund des Risikos zeckenübertragener Krankheiten gilt: Wer nach einem Aufenthalt im Freien oder nach einem Zeckenstich Krankheitssymptome entwickelt, sollte sich ärztlich untersuchen lassen. Viele dieser Krankheiten beginnen mit grippeähnlichen Symptomen. Bei der Lyme-Borreliose entwickelt jede dritte betroffene Person zusätzlich eine charakteristische Wanderröte.
Die richtige Behandlung ist entscheidend: Während die Lyme-Borreliose mit Antibiotika behandelt werden kann, gibt es für FSME und ALSV keine spezifische antivirale Therapie. Eine symptomatische Behandlung ist jedoch möglich.
Was ist die Ursache für die starke Zunahme der durch Zecken übertragenen Krankheiten in der Schweiz?
Wie so oft gibt es viele Faktoren, die zu diesem Anstieg beitragen – doch der Einfluss des Klimawandels kann nicht genug betont werden. Die Winter sind nicht mehr so kalt, was die Eiablage von Zecken begünstigt2. Zudem führt wärmeres Wetter dazu, dass Zecken aktiver sind3. Hinzu kommt, dass sich durch die längere warme Jahreszeit mehr Menschen für längere Zeit im Freien aufhalten – nicht nur im Juli und August. Dadurch steigt auch das Risiko, mit Zecken in Kontakt zu kommen. Es ist wichtig zu bedenken, dass Zecken längst nicht mehr nur in Wäldern vorkommen, sondern auch in Büschen und Parks in Städten – „draussen“ bedeutet also auch städtische Grünflächen.
Gegen die Verbreitung infizierter Zecken in der Schweiz können wir derzeit kaum etwas unternehmen. Sollte es in der Schweiz im Sommer zu heiss werden, könnten Zecken möglicherweise weiter nach Norden wandern – doch hierfür sind noch genauere Modellierungen erforderlich4.
Da wir die Ausbreitung und Bewegung infizierter Zecken in der Umwelt nicht kontrollieren können, ist es umso wichtiger, dass wir uns selbst schützen. Die besten Massnahmen hierfür sind:
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Die FSME-Impfung
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Die Verwendung von Zeckenspray
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Das Bedecken der Haut, insbesondere in den warmen Monaten (März bis November), wenn man sich draussen aufhält.
Es wird empfohlen, dass sich alle, die in einem Zecken-Risikogebiet leben (derzeit alle Kantone mit Ausnahme des Tessins) gegen FSME impfen lassen5. Für einen einjährigen Schutz sind zwei Impfungen erforderlich, mit einem Abstand von mindestens einem Monat. Für einen langanhaltenden Schutz wird etwa ein Jahr später eine dritte Dosis benötigt. Danach wird bei fortbestehendem Risiko alle 10 Jahre eine Auffrischimpfung empfohlen.
Um zeckenübertragene Krankheiten zu vermeiden, sollten Sie nach einem Aufenthalt in bewaldeten oder waldnahen Gebieten immer Ihre Haut und Kleidung auf Zecken untersuchen. Helle Kleidung erleichtert es, Zecken zu erkennen. Vergessen Sie nicht, auch Haustiere wie Hunde, Katzen und Pferde zu überprüfen, da auch sie Zecken übertragen können.
Wenn Sie eine Zecke finden, entfernen Sie sie sofort mit einer Pinzette, indem Sie die Zecke so nah wie möglich an der Haut fassen und sie vorsichtig und gleichmässig herausziehen. Desinfizieren Sie nach der Entfernung die Bissstelle. Wenn Sie nach einem Zeckenbiss Fieber oder andere Symptome bemerken, sollten Sie unbedingt eine:n Ärzt:in aufsuchen.
Referenzen
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"FSME in der Schweiz ist ein viel grösseres Problem, als den meisten Menschen bewusst ist."
Interview mit Dr. Kyra Zens https://reisemedizin.uzh.ch/de/blog/interview_dr_kyra_zens_teil_1 - https://climate-adapt.eea.europa.eu/en/observatory/evidence/health-effects/vector-borne-diseases/TBE-factsheet
- Lukan, M. et al., 2010, Climate Warming and Tick-borne Encephalitis, Slovakia, Emerging Infectious Diseases 16(3), 524–526. https://doi.org/10.3201/eid1603.081364
- https://www.mdpi.com/2673-4931/26/1/18
- https://www.bag.admin.ch/bag/en/home/krankheiten/krankheiten-im-ueberblick/fsme.html