Auf der Route – die plötzliche Abgelegenheit
Ist man schliesslich unterwegs, merkt man oft erst dann, wie viele Dinge im Alltag selbstverständlich geworden sind. Langsames Internet? Kein Problem – wir warten kurz. Durstig? Wir kaufen eine Flasche Wasser. Akku leer? Die nächste Steckdose ist meist nicht weit. Auf einer abgelegenen Wanderung, einer Veloreise oder einer Backpacking-Tour kann aus einer kleinen Unannehmlichkeit jedoch schnell eine echte Herausforderung werden.

Wenn das Handy plötzlich nicht mehr weiterhilft
Irgendwann kommt der Moment: Auf dem Display steht «Kein Netz». Google Maps lädt nicht mehr, eine Nachricht lässt sich nicht verschicken und der nächste Ort ist noch viele Kilometer entfernt. Plötzlich ist man auf sich allein gestellt.
Das muss kein Grund zur Panik sein. Kartenmaterial kann heute offline heruntergeladen werden. Dennoch ist wichtig, dass das Handy nicht zur einzigen Orientierungshilfe wird, da der Akku auch leerlaufen kann. In diesem Kontext ist eine gute alte Papierkarte noch immer unschlagbar. Um die Akkulaufzeit zu verlängern, helfen folgende Tipps: Flugmodus einschalten, das Handy bei Kälte körpernah aufbewahren und stets eine Powerbank einpacken, um die wichtigsten Geräte funktionsfähig zu halten. Bei längeren Touren ohne Stromversorgung können Solarpanels eine Möglichkeit sein, um eigenständig Strom zu erzeugen.
In abgelegenen Regionen stellt sich noch eine andere Frage: Was mache ich, wenn tatsächlich etwas passiert? Bei einem Unfall oder einer akuten Erkrankung kann es entscheidend sein, überhaupt Hilfe alarmieren zu können. Wenn über längere Zeit kein Mobilfunknetz vorhanden ist, können Satellitenkommunikationsgeräte wie das inReach-System von Garmin eine wichtige zusätzliche Sicherheitsmöglichkeit bieten. Je nach Gerät und Abo können damit Nachrichten verschickt, der eigene Standort geteilt oder im Notfall Hilfe angefordert werden.
Wasser – plötzlich eine der wichtigsten Fragen
Noch unmittelbarer wird die Abgelegenheit beim Wasser. Wer den ganzen Tag wandert, Velo fährt oder sonst mit schwerem Gepäck unterwegs ist, verliert durch Schwitzen deutlich mehr Flüssigkeit als im Alltag. Gleichzeitig ist die nächste Möglichkeit, eine Flasche zu kaufen, nicht immer in Sicht.
Besonders auf abgelegenen Routen lohnt es sich deshalb, sorgfältig und vorausschauend zu planen, wo die nächste Möglichkeit zum Auffüllen liegt. Eine Quelle, ein Bach oder ein See kann zur wichtigen Ressource werden – allerdings ist klares Wasser nicht automatisch sauberes Wasser. Es können Krankheitserreger darin vorkommen, insbesondere wenn in der Region Landwirtschaft betrieben wird oder sich in der Nähe Campingplätze oder Wandergebiete ohne Sanitär- und Wasseraufbereitungsinfrastruktur befinden. Wenn kontaminiertes Wasser zum Trinken, Kochen, Waschen von Früchten und Gemüse oder zum Zähneputzen verwendet wird, kann dies zu Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall, Erbrechen und Bauchschmerzen führen – der Nummer 1 medizinischer Probleme auf Reisen.
Wer unterwegs auf natürliche Wasserquellen angewiesen ist, sollte deshalb wissen, wie sich Wasser sicher aufbereiten lässt:
1. Abkochen: Abkochen stellt die sicherste Möglichkeit der Wasseraufbereitung dar. Durch sprudelndes Kochen werden alle Arten von Krankheitserregern – einschliesslich Viren, Bakterien und Parasiten – zuverlässig abgetötet. Das Wasser sollte dafür während mindestens einer Minute sprudelnd kochen. Da sich der Siedepunkt mit zunehmender Höhe verschiebt, sollte das Wasser ab etwa 2.000 Höhenmetern mindestens drei Minuten sprudelnd gekocht werden.
2. Filtern: Filtern ist die zweitbeste Wahl für die Wasseraufbereitung und unterwegs sehr praktisch. Bei einem Hohlfaserfilter, beispielsweise dem BeFree von Katadyn®, wird das Wasser durch feine Membranen mit einer Porengrösse von 0,1 Mikron (0,0001 mm) gepresst. Protozoen, Bakterien und Sedimente werden dadurch zurückgehalten. Viren sind jedoch kleiner und werden von solchen Filtern nicht zuverlässig entfernt.
Ein wichtiger Tipp bei Kälte: Hohlfaserfilter dürfen nicht einfrieren. Bereits eine Nacht mit Minustemperaturen kann die feinen Filtermembranen beschädigen. Bei kalten Bedingungen gehört der Filter deshalb nachts mit in den Schlafsack.
3. Chemische Desinfektion: Wasserdesinfektionstabletten wie Micropur Forte® können eingesetzt werden, um Viren und Bakterien im Wasser abzutöten. Gegen gewisse Parasiten wie beispielsweise Cryptosporidien sind sie jedoch nicht immer zuverlässig wirksam. Noch sicherer ist deshalb eine Kombination aus Filtern und anschliessender chemischer Desinfektion (insbesondere bei trübem Wasser zu empfehlen).
Achtung: Wasser, das schädliche Chemikalien, Giftstoffe oder radioaktive Stoffe enthält, wird durch Abkochen, Filtern oder chemische Desinfektion nicht sicher! Bei Verdacht auf eine entsprechende Belastung sollte das Wasser daher nicht verwendet werden.
Weitere gesundheitliche Herausforderungen unterwegs – Sonne, Insekten und Verletzungen
Nach Durchfallerkrankungen gehören Sonnenbrände, Insektenstiche sowie Haut- und Weichteilinfektionen – beispielsweise durch mangelnde Fusshygiene oder aufgeplatzte Blasen – zu den häufigsten medizinischen Problemen auf Abenteuerreisen. Auch hier gilt in erster Linie: Vorsorge ist die beste Sorge!
Sonne – weniger ist mehr
Der beste Schutz vor Sonnenbrand und Sonnenstich ist erstaunlich simpel: Die Sonne meiden. Besonders bei intensiver Sonneneinstrahlung lohnt es sich, körperlich anstrengende Aktivitäten nicht auf die Mittagszeit zu legen und stattdessen die kühleren Morgen- und Abendstunden zu nutzen. Auch die richtige Kleidung bietet einen sehr wirksamen Sonnenschutz: Langärmlige, leichte Kleidung, ein Hut und eine Sonnenbrille schützen grosse Teile des Körpers und reduzieren gleichzeitig den Bedarf an Sonnencreme. Gerade bei limitiertem Packmass ist das praktisch, denn Sonnencreme muss regelmässig und ausreichend aufgetragen werden – und geht bei Schwitzen und Reibung schnell wieder verloren.
Insekten – klein, aber nicht immer harmlos
Langärmlige Kleidung hat einen weiteren Vorteil: Sie ist gleichzeitig einer der einfachsten und zuverlässigsten Insektenschutzmassnahmen. Besonders in Regionen mit vielen Mücken oder anderen Insekten lohnt es sich, möglichst viel Haut zu bedecken. Beim Übernachten im Zelt oder in der Hängematte sollte zudem darauf geachtet werden, dass das Moskitonetz vollständig geschlossen ist und keine Lücken aufweist. Zusätzlich gehört ein geeignetes Insektenschutzmittel ins Gepäck. Das ist nicht nur eine Frage des Komforts: Insekten wie Mücken, Zecken und Wanzen können verschiedene Krankheitserreger übertragen, darunter Viren (z. B. Dengue, Zika), Bakterien (z. B. Borrelien, Rickettsien) und Parasiten (z. B. Malaria, Trypanosomen).
Unfälle und Verletzungen – gut versorgt ist halb gewonnen
Auf einer Abenteuerreise muss man sich bewusst sein, dass man sich automatisch einem höheren Risiko für Unfälle und Verletzungen aussetzt. Um schwere Unfälle zu vermeiden, braucht es neben einer Portion gesundem Menschenverstand einige zusätzliche Vorsichtsmassnahmen. Dazu gehört zum Beispiel, nicht ohne Licht in der Dunkelheit zu fahren oder wandern und sich nicht ungesichert in Absturzgelände zu begeben. Auch Wetterbedingungen, die eigenen Fähigkeiten und die körperliche Verfassung sollten bei der Planung berücksichtigt werden. Zum Glück sind die meisten Verletzungen, die unterwegs passieren, nur leicht und lassen sich mit etwas Grundwissen gut selbst versorgen.
Das lässt sich meistens selbst versorgen:
1. Blasen an den Füssen und leichte Schürfwunden: Gerade bei langen Wanderungen und Veloreisen sind die Füsse einer dauerhaften Belastung ausgesetzt. Feuchtigkeit, Schweiss und Reibung begünstigen Blasen und Hautreizungen. Eine gute Fusshygiene, trockene Socken und passende Schuhe helfen, Problemen vorzubeugen. Entsteht trotzdem eine Blase, sollte sie möglichst früh versorgt und vor weiterer Reibung geschützt werden. Aufgeplatzte Blasen sind, wie Schürfwunden ebenfalls, offene Wunden und damit eine Eintrittspforte für Bakterien. Sie sollten mit sauberem (Trink-)Wasser gereinigt, desinfiziert und mit einem Pflaster oder speziellen Blasenpflaster abgedeckt werden.
2. Kleine, unkomplizierte Schnittwunden: Bei kleinen Schnitten ist in erster Linie wichtig, die Wunde gründlich mit (Trink-)Wasser auszuspülen, Schmutz oder Fremdkörper zu entfernen, sie zu desinfizieren und danach mit einem Pflaster oder Wundverband zu verschliessen. Ist die Wunde stark verschmutzt, sollte sie offen bleiben und locker verbunden werden, statt sie zu verschliessen.
3. Leichte Verstauchungen und Zerrungen (z. B. am Knöchel): Hier hilft die PRICE-Regel: Schonen (Protection), Ruhigstellen (Rest) mit beispielsweise einem (Tape-)Verband, Kühlen (Ice) für rund 10 Minuten, Kompressionsverband anlegen (Compression) und das Körperteil hochlagern (Elevation).
4. Leichte Verbrennungen: Sofort mit sauberem, fliessendem (nicht eiskaltem) Wasser bis zu 20 Minuten kühlen. Anschliessend die Wunde mit Wasser und milder Seife reinigen. Kleine, intakte Blasen können belassen werden; bei geöffneten Blasen kann eine dünne Schicht Vaseline, Honig oder Aloe Vera aufgetragen werden, um die Heilung zu beschleunigen. Danach mit einem sauberen, nicht klebenden Verband abdecken.
Für die Versorgung solcher kleinen Verletzungen sollte ein Erste-Hilfe-Set mit den wichtigsten Utensilien mitgeführt werden. Gerade bei beschränktem Packmass geht es nicht darum, für jede Eventualität eine komplette Apotheke mitzunehmen, sondern um die richtige Auswahl: so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Ein Basis-Erste-Hilfe-Set sollte unter anderem Pflaster und Blasenpflaster, Material zur Wundversorgung und Desinfektion (u.a. Kernseife und jodhaltige Lösung), Bandagen zur Ruhigstellung sowie geeignete schmerzlindernde und fiebersenkende Mittel (wie z. B. Paracetamol) enthalten. Je nach Reiseziel, Dauer und Art der Reise können weitere Medikamente und Materialien sinnvoll sein.
Es gibt jedoch auch bestimmte Verletzungen oder Situationen, die nicht unterwegs behandelt werden sollten, sondern professionelle Hilfe und rasches Handeln benötigen.
Sofortige ärztliche Hilfe holen sollte man bei:
- Bewusstlosigkeit oder plötzlicher Verwirrtheit
- Starken oder nicht zu stillenden Blutungen
- Blässe und Schwäche mit schwachem Puls
- Anhaltendem Erbrechen oder Durchfall
- Anzeichen einer allergischen Reaktion
- Verlust von Sehen, Hören, Sprechen, Bewegung oder Gleichgewicht
- einer Extremität, die nach einem Unfall blass, blau oder violett verfärbt ist
- Kopfverletzungen mit Bewusstlosigkeit, zunehmenden Kopfschmerzen, Erbrechen, veränderter Wachheit oder Sehstörungen
- Bissverletzungen, vor allem durch Tiere, respektive jeglichem Verdacht auf Kontakt mit einem tollwütigen Tier
Eine zeitnahe ärztliche Beurteilung (innert wenigen Stunden) braucht es bei:
- tiefen oder klaffenden Wunden, die man nicht einfach zusammenkleben oder -nähen lassen kann
- Wunden, bei denen eine Sehne, ein Gelenk, ein Nerv oder ein Blutgefäss betroffen sein könnte
- Wunden, die Zeichen einer Infektion zeigen: zunehmende Rötung, Schwellung, Wärme, Eiter oder Wunden, die sich trotz Behandlung verschlimmern
- Hinweisen auf eine Infektion im ganzen Körper: Fieber, Schüttelfrost, Schwäche
- schweren Verbrennungen an Hand, Fuss, Gesicht oder Genitalien, ringförmig um einen Arm oder ein Bein herum, oder wenn eine grössere Körperfläche betroffen ist
- fehlendem aktuellem Tetanusschutz bei einer verschmutzten Wunde
Faustregel für unterwegs: Kleine, saubere Wunden und leichte Verstauchungen kann man in der Regel selbst gut versorgen. Sobald eine Wunde tief ist, stark blutet, durch ein Tier verursacht wurde, Infektionszeichen zeigt oder wenn der Körper insgesamt reagiert (u.a. Fieber, Schüttelfrost), sollte man ärztliche Hilfe suchen.
Abgelegen bedeutet: kleine Probleme können grösser werden
Zusammengefasst ist die eigentliche Herausforderung der Abgelegenheit nicht unbedingt, dass etwas Aussergewöhnliches passiert. Es ist vielmehr die Tatsache, dass einfache Lösungen plötzlich nicht mehr verfügbar sind.
Eine Blase am Fuss, ein leerer Akku, eine leere Wasserflasche oder eine kleine Verletzung sind im Alltag meist schnell gelöst. Mitten in der Natur und viele Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt können dieselben Probleme jedoch plötzlich viel mehr Zeit, Energie und Aufmerksamkeit benötigen.
Wer unterwegs ist, sollte deshalb immer wieder einen kurzen Realitätscheck machen: Wie weit ist die nächste Möglichkeit, Wasser zu bekommen? Wo befindet sich die nächste Strasse oder Ortschaft? Wie würde ich hier Hilfe rufen, wenn jetzt etwas passiert?
Diese Fragen müssen einem nicht ständig beschäftigen. Aber sie im Hinterkopf zu behalten, bedeutet, einen sicheren Rahmen für die Reise zu stecken und sich voll und ganz auf das Abenteuer einlassen zu können!
Referenzen
Centers for Disease Control and Prevention. (2025). About Water Treatment Options When Hiking, Camping, or Traveling. https://www.cdc.gov/drinking-water/prevention/water-treatment-hiking-camping-traveling.html
Katadyn. (o. J.). Technisches Datenblatt Katadyn Befree Water Filtration System. https://www.katadyngroup.com/de/de
2024 American Heart Association and American Red Cross Guidelines for First Aid. (2024). Circulation. Hewett Brumberg EK, Douma MJ, Alibertis K, et al. https://doi.org/10.1161/CIR.0000000000001281
Surveillance for travel-related disease--GeoSentinel Surveillance System, United States, 1997-2011. (2013). MMWR Surveill Summ. Harvey K, Esposito DH, Han P, et al. PMID: 23863769.
GeoSentinel Surveillance Network. GeoSentinel surveillance of illness in returned travelers, 2007-2011. (2013). Ann Intern Med. Leder K, Torresi J, Libman MD, et al. doi: 10.7326/0003-4819-158-6-201303190-00005.
Management of Burns. (2019). The New England Journal of Medicine. Greenhalgh DG. doi: 10.1056/NEJMra1807442.
Mountain medical kits: epidemiology-based recommendations and analysis of medical supplies carried by mountain climbers in Colorado. (2017). J Travel Med. Brandenburg WE, Locke BW. doi: 10.1093/jtm/taw088. PMID: 28395094.
Wilderness Medical Society Practice Guidelines for Basic Wound Management in the Austere Environment. (2014). Wilderness & Environmental Medicine. Quinn RH, Wedmore I, Johnson E, et al. doi:10.1016/j.wem.2014.04.005.
Wilderness Medical Society Clinical Practice Guidelines for the Treatment of Acute Pain in Austere Environments: 2024 Update. (2024). Wilderness & Environmental Medicine. Fink PB, Wheeler AR, Smith WR, et al. doi:10.1177/10806032241248422.
First Aid: Guidelines From the American Heart Association and American Red Cross. (2026). American Family Physician. Nelson M. https://www.aafp.org/afp/2026/0300/practice-guidelines-first-aid.
